Wenn wir ins Kino gehen, müssen wir zuerst unsere eigene Skepsis besiegen – den Unglauben gegenüber all dem, was wir zu sehen bekommen werden. Der englische Dichter und Kritiker Samuel Taylor Coleridge hat, lange vor dem Kinozeitalter, im Jahr 1817, den Begriff für dieses Verhalten geprägt. Er nannte es the willing suspension of disbelief , deutsch: "die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit". Der Regisseur Christian Petzold stellt in seinem neuen Film Phoenix hohe Anforderungen an die kollektive Leichtgläubigkeit.

Die deutsche Jüdin Nelly (Nina Hoss), eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, kommt wenige Wochen nach Kriegsende verstümmelt, das Gesicht eingehüllt in Bandagen, nach Berlin zurück. Ein melancholischer Gesichtschirurg (Michael Maertens in einer wunderbaren kleinen Rolle) stellt Nellys Gesicht, auf der Basis von Vorkriegsfotos, wieder her. Nelly erholt sich rasch, unter dem Verband erblüht die Schönheit der Frau erneut. Kaum ist sie halbwegs stabil, macht sie sich auf die Suche nach ihrem nicht jüdischen Mann Johnny (Ronald Zehrfeld), den sie immer noch liebt. Johnny aber ist davon überzeugt, dass seine Frau tot ist – aus gutem Grund. Offenbar hat er selbst sie verraten und ans Messer geliefert. Nelly findet Johnny in einer von US-Soldaten besuchten Kneipe, wo er als Hilfskellner arbeitet. Johnny erkennt seine Frau nicht mehr. Er findet aber, dass die Frau, die sich ihm nähert, seiner vermeintlich toten Frau sehr ähnlich ist, und schlägt ihr einen Handel vor: Sie soll in die Rolle der "Nelly" schlüpfen und deren Erbe antreten. Dann werde man die Beute teilen. Was tut Nelly? Sie lässt sich auf das Spiel ein.

Hierin besteht die Glaubensleistung, die der Film seinem Publikum abverlangt: Ist es wirklich denkbar, dass ein Mann die Frau, mit der er zusammen war, für eine Fremde hält, nur weil ihr Gesicht sich leicht (verglichen mit Fotos von ihr aus der Zeit vor Auschwitz: kaum) verändert hat? Dass er ihren Geruch, ihre Bewegungen, ihre Stimme, ihre Seele nicht wiedererkennt?

Ehemann Johnny hat die Erinnerung an sein eigenes Vorleben gelöscht

Die einzig plausiblen Erklärungen für solche Blindheit sind charakterlicher Natur. Sie diskreditieren den ganzen Mann und kennzeichnen ihn als den Typus des deutschen Verdrängers und Weitermachers: Johnny war entweder schon während der Ehe mit Nelly taub und blind für sie. Oder aber: Er hat, indem er sie verriet, sein ganzes Vorleben in einem Akt aggressiver Verdrängung gelöscht. Wie auch immer, Zehrfeld spielt einen Mann ohne Vergangenheit: die Verkörperung nackter Gegenwart, welche auf eine bessere Zukunft spannt, von keinem Schuldgefühl geduckt. Die Gier betäubt seine Sinne – nur nicht den Geschäftssinn.

Johnny plagt die Frage, wie er an den Reichtum seiner vermeintlich toten Frau herankommen kann – welches Spiel er inszenieren, welche Rollen er besetzen muss. Also erschafft er seine Frau neu: als Doppelgängerin, als Wiedergängerin der Toten. Dass ihn ausgerechnet Nelly auf den Gedanken bringt – ja dass er beim Anblick seiner eigenen Frau, die er nicht mehr kennt, nur auf die Idee kommt: Mit ihr könnte ich viel Geld machen, erledigt die Figur des Johnny von Beginn an. Und Ronald Zehrfeld tut schauspielerisch nicht viel, um ihr Tiefe, Widersprüchlichkeit, Unvernunft zu geben. Er ist für den Rest des Films, bis auf die letzte, allerdings große Szene, darauf begrenzt, den Schauspiellehrer zu spielen: also die vermeintliche Doppelgängerin darin zu schulen, sich wie "Nelly" zu verhalten.

Diese aber, die aus Auschwitz zurückgekehrte Frau, zeigt in der Darstellung von Nina Hoss das Format einer großen klassischen Doppelgänger- oder Wiedergängerfigur (wie etwa der Helena des Euripides oder der Judy/Madeleine aus Hitchcocks Vertigo). Durch den Verrat, aber auch durch die Folter hat Nelly ihr wahres Leben eingebüßt und muss nun ein neues, falsches proben, immer in der Hoffnung, dadurch ihre alte Existenz (und die Liebe Johnnys) zurückzuerobern.