Eine neue Küche macht sich breit: Lunch-vietnamesisch. Lunch-vietnamesisch schmeckt ein bisschen wie vietnamesisch, wurde aber von den Kindern vietnamesischer Migranten für die Bedürfnisse deutscher Mittagesser modifiziert. Begonnen hat die Welle in Berlin. Mit einiger Verzögerung erreicht sie jetzt Hamburg. Der angesagteste Laden dafür ist zurzeit das O-Ren Ishii am Domplatz.

Klingt unvietnamesisch? Ist es auch. Namenspatin war die Yakuza-Chefin aus Quentin Tarantinos Kung-Fu-Western Kill Bill. Schon daran sieht man, was die Vietnam-Imbisse der zweiten Generation abhebt. Hier will man cool sein – und das klappt auch ganz gut. Die flinken Mädchen im Service albern gern rum. Der lässige Mann hinter der Bar mixt Cocktails, alkoholfreie natürlich. Es müssen ja alle zurück zur Arbeit.

Die meisten Gäste kommen aus den Bürohäusern der Umgebung. Halbe Belegschaften rücken an; viel junges Volk, viele Frauen. Schon um Viertel nach zwölf ist die Wartebank vor der Tür meist besetzt. Später reicht die Schlange bis weit auf die Straße. Erst gegen drei Uhr wird es ruhiger; und um sechs ist schon Feierabend.

Was gibt es hier denn so Tolles? Man sieht die Tagesempfehlungen auf der Tafel am Eingang. Abwechslung ist wichtig bei so vielen treuen Kunden. Das Prinzip allerdings bleibt ähnlich: Reis, Glasnudeln, rohes Gemüse, Tofu oder Fleisch.

Die Köche im O-Ren Ishii trauen sich mehr als beim typischen Lunch-Vietnamesen; es gibt auch mal unvertraute Zutaten wie die asiatische Minze Rau Ram oder gehackte Kaffirblätter, die der Meeresfruchtsuppe eine explosive Zitrusnote verleihen. Doch auch sie spielen nur auf wenigen Tasten der vietnamesischen Aromenklaviatur. Fast immer geht es ihnen ums Pikante, leicht Konsumierbare.

Warum auch nicht? Selbst wer die dumpferen Töne von Bohnensoße, getrockneten Pilzen und Knoblauch vermisst, spürt etwas Belebendes, das in diesen Speisen steckt. Oft treibt einen ja nicht der Hunger aus dem Büro, sondern das Verlangen nach frischer Luft und etwas Frische im Mund. Dieser Geschmack, als hätte man sich beim Essen auch gleich schon die Zähne geputzt.

Was sich hier jeden Mittag ereignet, ist die Flucht junger Angestellter vor der Tristesse ihrer Kantinen. Wie vietnamesisch die Lunch-Vietnamesen sind, erscheint daneben als Spitzfindigkeit. Was sagte neulich der Kollege, als er zum O-Ren Ishii aufbrach? "Kommt ihr mit? Wir gehen zum Thai."

O-Ren Ishii, Kleine Reichenstr. 18. Tel.: 34 83 87 49. Geöffnet montags bis freitags von 11–18 Uhr. Hauptgerichte um die 8 €.