Im Saison-Programmbuch des Schauspielhauses Bochum steht, in unerbittlich luzidem Schweizerdeutsch, alles Wesentliche übers Theater: "Dene wos guet geit / giengs besser / giengs dene besser / wos weniger guet geit / was aber nid geit / ohni dass’s dene / weniger guet geit / wos guet geit / drum geit weni / für dass es dene / besser geit / wos weniger guet geit / und drum geits o / dene nid besser / wos guet geit."

Die Zeilen stammen von dem früh verstorbenen Berner Lyriker Mani Matter, der in der Schweiz berühmt, bei uns aber schier unbekannt ist; es zitiert sie der Schweizer Dramatiker Reto Finger, der derzeit ein Auftragswerk fürs Schauspiel Bochum schreibt (Hans im Glück, die Geschichte eines Mannes, dem es unaufhaltsam immer besser geht, Uraufführung im nächsten Frühjahr). Kürzer als Mani Matter es schrieb, könnte kein Ruhrgebiets-Roter es sagen: Dass es denen, denen es schlecht geht, nicht besser geht, liegt daran, dass es denen, denen es gut geht, dann schlechter gehen würde – was diese zu verhindern wissen, aber auch dazu führt, dass es ihnen, denen es materiell gut geht, seelisch nicht so gut geht. Kurzum: Das Leben ist ein Verteilungskampf. Es gibt keinen Ort, an dem wir das besser erfassen könnten als im Theater unseres Städtchens, jenem immerzu rumorenden Gebäude, welches zum Glück noch existiert. Aber wie lang noch? Denn auch darum wird ja gestritten: um die Frage, wie viele Theater wir brauchen im Land. Sie wird uns in dieser Saison noch beschäftigen.

Das Theater, selbst im Kampf begriffen, zeigt allabendlich auf der Bühne den Kampf um das glücklichste Dasein, die schönsten Körper, die besten Plätze an der Sonne – und auch um das längste Leben. "Der Mensch wird nach wie vor einfach nicht sterben wollen. Alle wollen am Leben bleiben, aber nicht aus Freude am Leben, sondern aus reiner Bösartigkeit, um alle andern zu überleben. Man hat doch mal das, was man so erreicht hat im Leben, an die nächste Generation weitergegeben und war froh darüber, dass es weitergeht. Und blickte mit einer gewissen Wehmut und sehnsüchtiger Liebe auf die Heranwachsenden. Mit Nachsicht auf ihre Fehler. Auch wenn man selber alt war, hat man nicht mit Neid auf die Jugendlichen geguckt, die vor Kraft strotzen. Aber mittlerweile hängen die Alten an den Jugendlichen wie die Vampire. Weil sie bloß ja nicht sterben wollen." So heißt es in René Polleschs soeben an der Berliner Volksbühne uraufgeführtem Stück House for sale.

Wer sein Glück daheim nicht findet, hat, sofern seine Verzweiflung größer als seine Angst ist, die Möglichkeit, es anderswo zu suchen: Pfeffersäcke im Zuckerland und Strahlende Verfolger lautet ein Doppelabend von Karin Beier und Elfriede Jelinek, der am 20. September am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt wird und die Spuren, Motive und Profite deutscher Auswanderer untersucht. Wer aber nicht rechtzeitig auswandert aus üblen Verhältnissen, der muss womöglich den Aufstieg eines Verbrechers zum wichtigsten Mann im Staat miterleben. Womit wir in Frankfurt sind, wo der Schauspieler Samuel Weiss Bert Brechts Arturo Ui inszeniert (Premiere am 19. September).

Ein Grund zur Auswanderung könnte schon im 19. Jahrhundert ein Missstand gewesen sein, für den man damals noch gar keinen vernünftigen Begriff hatte und den wir heute noch immer eher unscharf Umweltverschmutzung nennen. Am Schauspiel Stuttgart bringt der Intendant Armin Petras vom 15. November an die Erzählung Pfisters Mühle von Wilhelm Raabe auf die Bühne, worin eine Zuckerfabrik mit ihren Ausflüssen einen Bach vergiftet, ein Mühlrad zuschanden gehen lässt und die Existenz mehrerer Menschen ruiniert. In Raabes Erzählung wird das Unglück für alle sichtbar, als "die Fische in unserm Mühlwasser ihr Mißbehagen an der Veränderung ihrer Lebensbedingungen kundzugeben anfingen" – indem sie bauchaufwärts den Bach abwärtstrieben. Es wird interessant sein, zu erleben, wie Petras, einer der unermüdlichsten Romanausweider des deutschen Theaters, mit Schilderungen wie diesen mauerschauend fertig wird: "Erfreulich war’s nicht anzusehen. Aus dem lebendigen, klaren Fluß, der wie der Inbegriff alles Frischen und Reinlichen durch meine Kinder- und ersten Jugendjahre rauschte und murmelte, war ein träge schleichendes, schleimiges, weißbläuliches Etwas geworden, das wahrhaftig niemand mehr als Bild des Lebens und des Reinen dienen konnte."

Eine letzte Zuflucht vor allen Niederlagen, öffentlichen Giften und Verteilungskämpfen, so denken wir uns, ist die Einrichtung der bürgerlichen Ehe. Also reisen wir gleich nach München, wo ab sofort (nächste Vorstellungen am 20. September und am 7. Oktober) Edward Albees großes Paar-Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf zu sehen ist. "Nichts ist so durchsichtig wie der Stoff, aus dem Ehen gemacht sind", hat schon Arthur Schnitzler eher niedergeschlagen konstatiert, doch Albee erreicht einen höheren, schon wieder erquickenden Grad der Durchsichtigkeit. In der Rolle der Martha sehen wir eine Frau, die für diese Figur eigentlich zu jung ist, der wir sie aber vermutlich doch abnehmen werden: Es spielt Bibiana Beglau, soeben gekürt zur Schauspielerin des Jahres.