Billie Holiday konnte noch einfach so das Lied von der heillosen, willfährigen Liebe als Passion singen: "Er hat zwei oder drei Mädchen, die er genauso mag wie mich. Aber ich liebe ihn. Keine Ahnung, warum. Er ist nicht ehrlich, und er schlägt mich. Aber was kann ich tun?" Das hat sie in den fünfziger Jahren aufgenommen, es ist ein französischer Jazzstandard. Edith Piaf hat das auch gesungen: "Meine einzige Freude, mein einziges Glück auf dieser Welt ist mein Mann. Er schlägt mich, er beklaut mich. Aber was wollen Sie? Er geht mir so was von unter die Haut." Nichts passierte. Kein Sturm der Empörung brach los, wegen der Verharmlosung von Gewalt im Lied. Unfassbar eigentlich.

Heute würde eine Sängerin mit so etwas Unbedachtem nicht mehr durchkommen. Als dieses Frühjahr das zweite Album des Popstars Lana Del Rey erschien, runzelte das kritische Publikum die Stirn. Es heißt Ultraviolence, und im Titelsong raunt die somnambule Lolita: "Ich hätte auf der Stelle sterben können, weil Jim an meiner Seite war. Jim hat mich hochgehoben, er hat mir wehgetan, aber es hat sich wie wahre Liebe angefühlt. Jim lehrte mich, dass es nie genug war, ihn zu lieben. Das ist Ultragewalt." Das ist, bei Lichte betrachtet, ambivalent. Man kann nicht entscheiden, ob es hier um totale Abhängigkeit geht oder um den Impuls, sich abzustoßen. Natürlich ist im Übrigen das Lied, wie jedes anständige Produkt der Popkultur, mit Zitaten voll bis zum Rand. Das Wort ultraviolence kommt aus Anthony Burgess’ A Clockwork Orange, die Zeile "He hit me and it felt like a kiss" ist ein Songtitel der älteren Girlgroup The Crystals und das ganze Lied die Apotheose eines Genres, dessen Name lauten müsste: "Bang bang, my baby shot me down". Aber die Wellen der Erregung und Gegenerregung, die sich vor allem im Netz schlagartig ausbreiten, nehmen auf solche Feinheiten keine Rücksicht. "Verklärt Lana Del Reys neuer Song häusliche Gewalt?", titelte das Magazin Time.

Das ist eigentlich eine idiotische Frage an ein Kunstwerk, aber sie ist symptomatisch für die Wahrnehmung, mit der weibliche Popstars heute rechnen müssen. Es genügt nicht, schön zu sein und über das Leiden an der Liebe zu singen. "La femme à vrai dire n’est faite que pour souffrir par les hommes", sang die Piaf, "um ehrlich zu sein, ist die Frau nur dazu da, unter den Männern zu leiden". So eine libidinöse Fernsteuerung nimmt man heute keiner mehr ab. Man erwartet von erfolgreichen Frauen im Showbusiness eine selbstbestimmtere Haltung. Das Publikum verlangt nach einer Botschaft darüber, wie sich die Frauen, die man auf allen Bildschirmen sieht und deren Leben in den Illustrierten nacherzählt wird, selbst verstehen. Wie wollen die sein, und als was wollen sie gelten?

Die heimliche Hoffnung wäre, dass sie sich dabei ganz neue Rollen erschaffen. Denn die Geschichte der Frau als physisch, sentimental und sexuell souveränes Subjekt ist erst kurz. Zwar hat man in den westlichen Regionen der Welt eine rechtschaffene Einigkeit darüber hergestellt, dass Frauen und Männer gleichermaßen Zugang zu den Ressourcen der Gesellschaft brauchen. Dieses Programm macht aber bisweilen einen etwas mageren Eindruck, weil ihm die symbolischen Formen fehlen, weil es immer noch wenig populäre Träume und Vorstellungen von den Positionen gleichberechtigter Frauen und Männer gibt. Was der Mann schaffen kann, wie er sich den Menschen vorstellt, ist bekannt aus der Geschichte der Kunst und Kultur. Die war männlich. Wie eine Frau aussehen würde, deren Erscheinung sich nicht nur auf die Wünsche und Blicke von Männern zurückführen lässt, ist noch nicht ganz raus. Es mangelt an Prototypen.

Die Megastars des Pop könnten diese Prototypen sein, deshalb wird das Interesse an ihnen jetzt so häufig politisch. Sie haben eine internationale Öffentlichkeit, in der ihre Körper gesehen werden und ihre Stimmen gehört. Als Tänzerinnen, Sängerinnen und Autorinnen ihrer Lieder könnten sie sich im deregulierten Chaos der Rollenbilder frei entwerfen.

Und die Weltöffentlichkeit beobachtet gespannt, ob sie es auch tun. Zumal wenn sie sich mit dieser Mischung aus tanzfähigem Elektropop und R ’n’ B beschäftigen, aus der momentan die größten Chart-Erfolge gemacht werden. Sie sind die konsensfähigsten Girls unserer Zeit. Aber auch denen sieht man genüsslich dabei zu, wie sie immer wieder mal gegen die trotz allem Relativismus virulenten Schranken von race, class und gender rumsen.

Taylor Swift, ein bekanntes Country-Küken aus Pennsylvania, hat zum Beispiel neulich zur ersten Single-Auskopplung aus ihrem Album 1989, das im Herbst herauskommt, ein Video veröffentlicht, in dem sie sich in mehreren Tanzstilen blöd anstellt. Unter anderem auch im twerking, einem gesäßbetonten Bewegungsmuster aus der Hip-Hop-Kultur. "Sie verewigt Klischees von Schwarzen in ihrer demografischen Gruppe weißer Mädchen, die ihre Vorurteile hinter dem Vorwand verbergen, die schwarze Kultur zu lieben", twitterte ein bis dato unbekannter Rapper. Man muss als Popstar höllisch aufpassen, wem man beim Experimentieren mit Rollenmustern zu nahe tritt.