Am blauen Himmel über dem Strand von Föhr, nahe dem Inselörtchen Wyk, kreist suchend ein weißer Storch. Lachmöwen fliegen mit lautem Kichern um ihn herum. Einige Runden dreht der Storch, dann landet er im Brackwasser der Nordsee. Auf seinen langen, dünnen Beinen stakst er durch die Wellen, pickt mit seinem Schnabel mal hierhin, mal dorthin.

Ein Weißstorch, der in der salzigen Nordsee nach Nahrung sucht? Das findet man in keinem zoologischen Fachbuch, nicht in Brehms Tierleben. Denn auf Adebars Speiseplan stehen Frösche und Würmer, aus Süßwasser wohlgemerkt. Was führt diesen Storch zum Imbiss im Wattenmeer? Und warum auf der nordfriesischen Insel Föhr?

Dort waren Störche für ein halbes Jahrhundert ausgestorben. Bis jemand vor mehr als 20 Jahren ein Jungstorchenpaar auf die Insel brachte – und damit eine erstaunliche Vogelfamilie gründete. Dieser Jemand ist Dieter Risse, ein Endfünfziger mit einem Haarschopf, weiß wie die Federn seiner Störche. Romeo und Julia nannte er seine beiden ersten Schützlinge. Anders als ihre literarischen Namensvettern fanden die zwei zwar keinen frühen, tragisch-romantischen Tod. Dafür hatten sie eine harte Jugend hinter sich, als sie Mitte der neunziger Jahre auf die Insel kamen. "Beide konnten nicht fliegen. Julia war verletzt, Romeo hatten seine Besitzer die Flügel gestutzt", erzählt Risse. Er habe die Jungstörche deshalb mit der Hand aufgezogen. Und vor allem waren die Vogelkinder Waisen ohne Vogeleltern, von denen sie sich hätten abschauen können, was sich für einen Weißstorch so gehört. Auch nicht, was Störche normalerweise essen. "Ohne Eltern wussten die beiden einfach nicht, wo sie ihre Nahrung finden sollten", vermutet Risse. "Als sie wieder fliegen konnten, haben sie sich das Nächstliegende ausgesucht – das Meer."

Ihren Nachkommen haben Romeo und Julia auch ihren Appetit auf Meeresfrüchte mitgegeben. Heute leben 25 Störche auf Föhr. Und alle fliegen zum Futtern ins Wattenmeer. Mit dieser Vorliebe haben sie es bis in die akademische Literatur geschafft, nachdem der Vogelkundler Wolfgang Böhme vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig die Tiere im Jahr 2001 dabei beobachtete, wie sie Krabben aus der Nordsee pickten. Das habe ihn sehr erstaunt, sagt der Forscher. "Bis dahin hat es überhaupt keinen Bericht von Störchen gegeben, die im Salzwasser nach Nahrung suchen."

Überrascht war auch Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut des Naturschutzbundes, obwohl er seit vielen Jahren die Nahrungsökologie des Weißstorchs erforscht. Er kennt den Vogel als "Nahrungsopportunisten", das heißt, "er ernährt sich von dem, was er gerade findet". Aber Fische aus dem Meer gehörten gewöhnlich nicht zum Nahrungsspektrum der Tiere, erklärt der Vogelkundler. "Der Stoffwechsel des Weißstorchs ist auf salzige Nahrung gar nicht eingestellt." Viele Arten, die sich ausschließlich von Meerestieren ernährten, besäßen spezielle Drüsen, um überschüssiges Salz wieder ausscheiden und so ihren Organismus vor Salzschäden bewahren zu können. Thomsen vermutet daher: "Wahrscheinlich ernährt sich die Population auf Föhr nur teilweise von Krebsen oder Fischen aus der Nordsee."

Bequemer ist es, im Meer zu fischen, als in hoch bewachsenen, unübersichtlichen Wiesen nach Mäusen und Regenwürmern zu picken. Falls Romeo und Julia weniger Feinschmecker waren als einfach faul, mussten sie ihre Bequemlichkeit allerdings gegen die Nachteile einer allzu salzigen Ernährung abwägen.

Bei Sonnenuntergang landet ein Storch nach dem anderen in den struppigen Nestern, für die Risse eigens Metallstämme im Vorgarten seines Ferienhauses auf Föhr aufgestellt hat. Auch Jungvögel mit schwarzem Schnabel sind dabei, im Frühling hat die Großfamilie von Romeo und Julia drei Küken großgezogen. Die ausgewachsenen Tiere legen die Köpfe in den Nacken und klappern laut mit ihren langen, leuchtend orangen Schnäbeln.

Im Herbst werden einige von ihnen Föhr verlassen und in Richtung Afrika fliegen, wie es in der Natur ihrer Art liegt. An der Atlantik- und Mittelmeerküste wurden schon beringte Störche aus Föhr entdeckt. Einige der Fischerstörche verlassen ihre Insel aber selbst in der kalten Jahreszeit nicht mehr, um im warmen Afrika zu überwintern. Warum auch Tausende Kilometer nach Süden fliegen? Schließlich finden sie, während Feuchtwiesen und Süßwasserbäche zufrieren können, Fische und Krebse selbst im Winter im Wattenmeer.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio