DIE ZEIT: Mahatma Gandhi ist eine der meistbewunderten Figuren des 20. Jahrhunderts – Anführer des friedlichen indischen Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft, Vorbild für Martin Luther King und Nelson Mandela, ein Idol von Millionen in aller Welt. Sie, Frau Roy, haben kürzlich einen Essay publiziert, der Gandhi scharf angreift. Warum?
Arundhati Roy: Gandhis Erbe ist enorm. Aber unglücklicherweise hat man es zurechtgebogen und sogar verfälscht. Es hat nur noch wenig mit dem wirklichen Menschen zu tun. Meine Absicht war es zunächst gar nicht, über Gandhi zu schreiben; mein Text ist als Einleitung zur Neuausgabe eines Buches entstanden: Annihilation of Caste ("Die Vernichtung des Kastensystems") von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem der bedeutendsten Intellektuellen des modernen Indien. Ambedkar war Gandhis größter Kritiker. Er hat ihn intellektuell, politisch und moralisch herausgefordert. Er wurde in eine Familie von Dalits hineingeboren ...