Auch Richard Wagner hat ihn einmal ausprobiert, manche meinen sogar, dieser Einakter sei sein bestes und geschlossenstes Werk. Der Meister hat allerdings so viele Informationen in sein Rheingold gepackt, eine solche Verdichtung erreicht, dass das Werk weit über zwei Stunden dauert. Der Vorabend zum Ring des Nibelungen als Sitzfleischtraining? Rheingold ist Wagners einziger Einakter, und viele Komponisten sind ihm darin gefolgt: Einakter sind und bleiben Ausnahmen. Nur Richard Strauss tanzt hier aus der Reihe, der in Wagners Bann stand und ihn gar übertrumpfen wollte, weswegen er mit Elektra und Salome gleich zwei epochale Einakter schuf: beide nicht sehr kurz, beide extrem konzentriert, auch in der verrinnenden Zeit der Handlung. Die Dauer der Werke könnte fast Echtzeit sein. Sogar Capriccio, Strauss’ zwiespältiger Schwanengesang, ist formal ein Einakter. Zweieinhalb Stunden. Aber ohne Pause ertrüge das Werk kein Mensch.

Auf unseren Spielplänen ist der Operneinakter kein gern gesehener Gast. Er gilt nicht als richtige Oper, sondern als schwachbrüstiger Zwerg oder getrennter Zwilling: Immer benötigt er ein Geschwisterwerk, damit ein Abend auf volle Länge kommt. So wurde Leoncavallos Bajazzo irgendwann in eine gemeinsame Zelle mit Mascagnis Cavalleria rusticana gesperrt, bis heute kommt keiner der beiden ohne den anderen auf die Bühne. Wie ein altes Ehepaar.

Die latente Geringschätzung hat geschichtliche Gründe. Der Einakter stammt von den Florentiner Intermedien ab, kleinen musiktheatralischen Pausenbroten, die in den Umbauzeiten längerer (Theater-)Werke zur Ergötzung des Auditoriums gereicht wurden. Diese Miniaturen fanden bei den Meistern späterer Epochen ein unterschiedliches Echo. Der reife Mozart liebte die Ausführlichkeit, war jedoch als junger Komponist den Kleinodien nicht abgeneigt. Mozart war in allem genial, und Bastien und Bastienne hat bis heute nichts von seiner Kostbarkeit verloren. Aber fragt man zehn Intendanten, was sie von Bastien halten, dürften neun das Singspiel nicht einmal kennen.

Überblickt man die Spielpläne der Opernhäuser, so sind auch in der kommenden Saison die Einakter rar, selbst gemessen an dem Umstand, dass es nicht viele gibt. Gerade deshalb ist es ein Unding, dass ein grandioses Opus wie Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg nicht häufiger gespielt wird. Der Oper Il Prigioniero (Der Gefangene) von Luigi Dallapiccola, mit seiner zeitlosen Folter-Thematik, geht es ebenso.

Das Gipfelwerk der Gattung hat Giacomo Puccini mit seinem Trittico geschrieben, einer Schichttorte aus drei Einaktern, die in Charakter, Inhalt, Farbe, Milieu, dramatischem Bogen, Klang und Besetzung unterschiedlicher nicht sein könnten. Il Trittico wird beispielsweise an der Düsseldorfer Rheinoper in der famosen Inszenierung von Dietrich Hilsdorf wieder in den Spielplan geholt. Und die Staatsoper Berlin behält Morton Feldmans Neither auch in der kommenden Spielzeit auf dem Programm. Sie ist überhaupt vorbildlich kreativ bei Einaktern: Man spielt La voix humaine (Die menschliche Stimme) von Francis Poulenc, Through Roses von Mark Neikrug sowie als Uraufführung David Robert Colemans Hans im Glück.

Zu preisen ist auch die Oper Frankfurt, die nicht nur Bohuslav Martinůs hinreißende Julietta herausbringt, sondern als Beigabe außerdem drei völlig unbekannte Einakter dieses großen Meisters: Tränen des Messers, Komödie auf der Brücke und Zweimal Alexander. Das sind artifizielle Kabinettstückchen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, für die man eine kleine oder größere Anreise erwägen sollte.

Einakter werden auch gern ins konzertante, bilderlose Matineen-Programm namens "Oper am Klavier" vor 45 Stühlen im Foyer abgeschoben. Das liegt daran, wie gesagt, dass sie, um einen vollen Abend zu bestücken, zweifache Kräfte binden. Für zwei Opern muss eine doppelte dramaturgische Basis gelegt werden, man braucht zwei Bühnenbilder und im ungünstigen Fall sogar zwei Sängerensembles (für Il Trittico sind es sogar drei). Manche Komponisten haben pragmatischerweise gleich Einakter-Pärchen hinterlassen, auf dass sie bei der Spielplan-Gestaltung doppelt bedacht werden: Carl Orff hat das so mit Der Mond und Die Kluge gemacht, Maurice Ravel mit L’Enfant et les Sortilèges (Das Kind und die Zaubersprüche) und L’heure espagnole (Die spanische Stunde).

Formal anders verhält es sich bei der Unsitte einiger Regisseure, manchen langen Werken die Pause zu streichen und etwa Wagners Fliegenden Holländer ohne Unterbrechung durchzuspielen. Dieser fingierte Einakter freut nur diejenigen, die an dem Abend noch etwas anderes vorhaben. Alle anderen mit Blasenschwäche, Heißhunger oder Plauderlust fühlen sich düpiert. Auch der Caterer meckert. Warum dann nicht gleich einen richtigen Einakter spielen? Einakter sind spannend. Sie taugen für große, für experimentelle Abende. Und sie brauchen keineswegs immer ein Brüderchen.