Im Jahr 1922 gelang Fritz Lang mit Dr. Mabuse, der Spieler einer seiner größten Erfolge, den er elf Jahre später mit dem Tonfilm Das Testament des Dr. Mabuse noch übertreffen sollte. Dr. Mabuse, das ist der großkriminelle Psychoanalytiker und Verschwörer, der in hundertundeiner Maske die Welt mit Terror und Chaos überzieht, eine Gestalt ganz im Geist der zwanziger Jahre mit ihren Schwarzmarktgeschäften, der Lebensgier und den nicht verheilten Wunden des Ersten Weltkriegs. Für den Filmsoziologen Siegfried Kracauer war dieses Gespenst der Moderne freilich noch etwas anderes; in seiner Studie Von Caligari zu Hitler stellte er den Dr. Mabuse in eine Reihe mit anderen "Tyrannen" wie dem Vampir Nosferatu oder dem unheilvollen Dr. Caligari. Eine Vorahnung der kommenden Nazidiktatur, die nach einem von Mabuse entwickelten Schema zu funktionieren schien: Tyrannei als Antwort auf ein selbst erzeugtes Chaos.

In den sechziger Jahren kehrte Fritz Lang aus dem amerikanischen Exil zurück und versuchte, an einige seiner Vorkriegserfolge anzuknüpfen; mit Die 1000 Augen des Dr. Mabuse gelang ihm das durchaus trefflich. Der Berliner Produzent Arthur Brauner ließ daraus eine kleine Filmserie entstehen; zwischen 1960 und 1964 kamen sechs Filme heraus, in denen der schreckliche Doktor in immer neuer Gestalt sein Unwesen trieb. Regie bei diesen Schwarz-Weiß-Filmen führten übliche Verdächtige des deutschen Genrekinos, Harald Reinl, Paul May und Werner Klingler, und für eine kurze Zeit machten die Mabuse- Filme der Erfolgsformel der Edgar-Wallace-Filme ernsthaft Konkurrenz: Sie waren grauer, moderner und schneller. Und wenn die klassischen Mabuse- Filme von Fritz Lang die Unsicherheit der Weimarer Republik widerspiegelten, dann waren diese neuen deutschen Verschwörungsfilme gewiss Ausdruck undeutlicher Ängste gegenüber einer noch ungefestigten Demokratie. Und natürlich sind sie in all ihrer verrückten Fantasie, den bizarren Gadgets und dem Aufblitzen von schlechtem Geschmack auch heute noch extrem unterhaltsam.

Einen eher besonderen Geschmack muss man bei einem Nachzügler der Serie aufbringen: 1972 wollte Brauner die Serie wieder aufnehmen und schrieb selber ein erstes Drehbuch. Dabei heraus kam ein wundersames Trash-Movie, das der auf so etwas spezialisierte spanische Regisseur Jess Franco in der ihm eigenen cineastischen Unverfrorenheit mit den absurdesten Genrezitaten anreicherte. Niemand, auch die Darsteller wie Siegfried Lowitz und Friedrich Joloff nicht, scheint das Unternehmen sonderlich ernst genommen zu haben. Und doch erzählt auch diese kleine Perle des dadaistischen Schundfilms viel von ihrer Entstehungszeit.

Dr. Mabuses Meisterwerk – Die berühmten sechs Dr.-Mabuse-Filme der 60er Jahre (Universum), Dr. M schlägt zu (Pidax)