Georg Baselitz bezeichnet sich selbst als humorlos. Dafür hat er einen Hang zum deftigen Pathos. Viele seiner Werke zerbrechen geradezu unter der Last an Prätention, die er ihnen zumutet. Und so ist es meist anstrengend gewesen, seine Bilder anzuschauen. Die in der Moderne oft gehörte Forderung, dass Kunst wehtun müsse, wurde von Georg Baselitz, mittlerweile 76, zuverlässig erfüllt.

Ernst und schwer beginnt denn auch die gerade eröffnete Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Gleich im ersten Saal sind einige der frühen Baselitz-Werke zu sehen, Die großen Freunde von 1965 oder eines der Adler- Gemälde von 1972. Längst sind das Klassiker der deutschen Kunst nach 1945, zugleich aber Bilder, die einer jüngeren Generation kaum noch etwas sagen: Motive fernab heutiger Lebenswelten, meist düster gemalt. Es könnte einem der Vorwurf der Impressionisten und Fauvisten in den Sinn kommen, die einst in vielen alten Bildern nur "braune Soße" erblickten. Ja, auch Baselitz-Bilder versinken oft in einer schwülstig-dumpfen Atmosphäre. Wie mögen dann erst die medienwirksam angekündigten, in den letzten drei Jahren entstandenen Schwarzen Bilder im Hauptraum der Ausstellung sein?

Man betritt den Raum und fühlt sich wie befreit. Und das liegt nicht an der Größe dieses Oberlichtsaals, sondern an den Werken. Die Schwarzen Bilder sind nicht düster oder depressiv, sie wirken, paradoxerweise, viel heller und lichter als seine früheren Arbeiten. Vor allem aber zeugen sie von einer großen Lust am Malen. Baselitz führt auf ihnen das Nuancieren und Lasieren vor, bietet unglaublich viele Varianten von Schwarz, das mal ein Blau, mal ein Rot, mal sogar ein Weiß ist. Man wird neugierig, die Schichten und Pinselschwünge aus der Nähe nachzuvollziehen. Die Lust des Malers steckt an.

Nichts wäre falscher, als bei diesen Bildern einer der üblichen kunsthistorischen Assoziationen zu folgen. Sie haben keine Nähe zu den Pinturas Negras des verzweifelten alten Goya, ihnen fehlt die metaphysische Ambition von Malewitschs Schwarzem Quadrat, aber genauso die Aggressivität der Übermalungen Arnulf Rainers. Baselitz selbst bemerkt, es handle sich um ein malerisches Experiment, habe er doch in alle Farbtöpfe so viel Schwarz untergemischt, bis die Ausgangsfarbe gerade noch erkennbar gewesen sei. Die Frage war also, ob ein in seinen Farbwerten derart verschobenes Bild dennoch gelingen kann. Dasselbe hätte man genauso mit Weiß machen können, so Baselitz weiter, die Symbolik von Schwarz spielt hier also keine Rolle.

Ganz allerdings ist Baselitz noch immer nicht vom Pathos der frühen Jahre kuriert. Ebenfalls im Hauptsaal stehen zwei große, schwarz patinierte Bronzeskulpturen: BDM Gruppe (2012) und Zero Ende (2014). Die erste: eine Kindheitserinnerung des in der NS-Zeit geborenen Künstlers, drei Mädchen vom "Bund deutscher Mädchen", untergehakt, mit übergroßen Köpfen, unheimlich gesichtslos, unweiblich. Die andere: ein liegender Stamm und an beiden Enden je ein Totenkopf. In einem Interview scheut Baselitz nicht davor zurück, diese Arbeit mit Auschwitz in Verbindung zu bringen, er lädt sie also geradezu monströs auf. Der Betrachter fühlt sich verstimmt, weil diese Skulptur nur bedeutsam tut und keinerlei Beitrag zum Thema Genozid leistet. Offenbar verführen Baselitz seine großformatigen Skulpturen zu dieser Art dröhnender Wichtigkeit.

In der Malerei ist es anders. In allen neueren Werkgruppen, beginnend mit Remix (2005 bis 2007), findet Baselitz zu einer Leichtigkeit, die man ihm früher nie zugetraut hätte. Die Bilder sind unternehmungslustig, abwechslungsreich. Ob Elke negativ blau (2012), Schlechte Note (2012) oder Flunkler Deck (2013): Immer wieder ist man von der Leuchtkraft der Farben und der feinsinnigen Faktur überrascht. Allerdings fragt man sich oft, was die Werktitel sollen, kann keinen Bezug zum Dargestellten erkennen oder findet die sprachlichen Montagen zu bemüht. Auch hier wieder Reste von falschem Pathos und Sperrigkeit, gerade bei den Schwarzen Bildern, denen Baselitz mit verrätselten Titeln völlig unnötig raunenden Geleitschutz gibt: Ich esse stenk (2013), Da ben ar ufo (2013), Dunkel age schwarzim (2013). Das ist so durchschaubar in seiner Intention, dass man ihm den suggerierten Tiefsinn nicht abnimmt. Und es ist so gewollt anders, dass es zugleich viel über das künstlerische Programm dieses Spätwerks verrät.