Stellen Sie sich vor, die Außenalster gehörte nicht der Hansestadt, sondern sei Eigentum beispielsweise der Stadt Berlin. Es gäbe da einen uralten, lang vergessenen Trinkwasservertrag, und nun hätte Berlin – klamm geworden, verschuldet durch Großprojekte wie etwa eine neue Philharmonie – beschlossen, die Außenalster zu versteigern. Hamburg dürfte zwar mitbieten, könnte dann aber seine Kindergärten und Feuerwehren nicht mehr bezahlen. Oder es würde überboten von einem unbekannten Investor. Einem Scheich vielleicht. Der würde dann einen Zaun um die Alster bauen. Oder eine Mauer. Und allein darauf herumpaddeln.

Hirngespinste? Für Karsten Lindemann-Eggers sind solche Sorgen sehr real. Der Mann ist Bürgermeister von Großensee, 30 Kilometer nordöstlich von Hamburg, 1700 Einwohner. Naherholungsgebiet. An die Gemeinde schmiegt sich der gleichnamige malerische Großensee, halb so groß wie die Außenalster, einer der saubersten Seen in Schleswig-Holstein mit einer unbewohnten Insel in der Mitte.

Doch der Großensee gehört der Stadt Hamburg – es gibt da diesen Trinkwasservertrag aus der Preußenzeit – und nun will Hamburg den Großensee versteigern. Mindestgebot: 1,15 Millionen Euro. Die Gemeinde Großensee darf mitbieten, wäre im Fall des Zuschlags aber für Jahre pleite. Und es gibt das Risiko, dass ein unbekannter Investor sich den See unter den Nagel reißt: Hamburg hat nämlich zwei Privatpersonen angeschrieben und zum Mitbieten aufgefordert. Wer das ist, hält die Stadt geheim.

Muss es nicht Dinge geben, die allen Bürgern gehören? Seen zum Beispiel?

Diese Fragen stellen sie sich nun in Großensee: im Alten Dorfkrug, in der kleinen Bäckerei, im Dörphus und am See natürlich. Und die Antwort ist klar: Der Großensee bleibt unser – koste es, was es wolle!

Der Mann, der diesen Auftrag ausführen muss, ist Karsten Lindemann-Eggers. Gerade geht er mit großen Schritten über seinen Bauernhof. Der ehrenamtliche Bürgermeister ist Landwirt, eigentlich wäre viel zu tun, aber dieser Tage geht es nur noch um den See. "Laufen wir doch einmal rundherum", sagt er, "dann sehen Sie, warum wir ihn kaufen müssen."

Der Seerundweg beginnt am Ortskern. Es nieselt. "Der Kauf wäre ein gewaltiger Schluck aus der Pulle", sagt der Bürgermeister und spannt den Regenschirm auf. "Für eine so kleine Gemeinde wie uns ist diese Investition eigentlich nicht machbar. Das müsste Hamburg doch wissen. Ich hätte erwartet, dass man sich mit uns zusammensetzt und fragt: Was könnt ihr geben?" Hamburg hat sich anders entschieden – und damit den ganzen Ort verstört. Der See, dessen Zauber alle so lieben, ist plötzlich der kalten Gewalt des Marktes ausgesetzt.

Warum verkauft Hamburg den See überhaupt? Und warum auf so unfreundliche Weise?

Ein Blick in die Finanzbehörde am Hamburger Gänsemarkt, wo Paternoster und holzvertäfelte Aufzüge Beamte in lange Flure spucken. Daniel Stricker, der Pressesprecher, ist ein junger Mann mit perfekt sitzender grüner Krawatte. An den Wänden seines Büros hängen Porträts von Helmut Kohl, Friedrich Merz, Papst Benedikt und Lukas Podolski. "Wir haben selten so viele Presseanfragen zu einem Thema gehabt", sagt Stricker. "Wir kaufen und verkaufen pro Jahr Grundstücke im hohen zweistelligen Millionenwert." Und nun das Theater um so eine Mini-Immobilie – das sagt er natürlich nicht, aber es steht ihm ins Gesicht geschrieben.