DIE ZEIT: Herr Bedford-Strohm, der Nordirak ist eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Warum sind Sie hingereist?

Heinrich Bedford-Strohm: Als Kirche haben wir seit Jahren enge Kontakte zu den Christen im Irak. Jetzt baten sie mich, sie zu besuchen. Dem habe ich gern entsprochen und es keine Sekunde bereut.

ZEIT: Was haben Sie gesehen?

Bedford-Strohm: Unser direkter Ansprechpartner vor Ort war die irakische Hilfsorganisation Capni, die jetzt auch Nothilfe für die Flüchtlinge leistet. Eine andere Organisation, mit der wir intensiv zusammenarbeiten, leistet psychologische Betreuung in den Flüchtlingslagern. Wir haben eine der Zweigstellen in Chanke besucht, wo täglich 50 traumatisierte Menschen behandelt werden. Viele mussten mit ansehen, wie ihre Verwandten ermordet wurden oder auf der Flucht vor Schwäche starben. Die Seelenverletzungen sind enorm.

ZEIT: Wie verlief Ihre Reiseroute?

Bedford-Strohm: Wir flogen nach Erbil und besuchten zuerst den christlichen Stadtteil Ankawa, wo Zehntausende vertriebene Christen in Kirchen und im Freien campieren. Von dort ging es nach Dohuk und in ein Lager für Jesiden. Sie berichteten uns von ihrer Flucht in die Berge von Sindschar, wo sie viele Tage lang von den Truppen des Islamischen Staates eingeschlossen waren. Sie erlebten, wie Kinder vor ihren Augen verdursteten. Was wir gehört haben, ist unaussprechlich. Kurdische Milizen schufen dann einen Korridor, durch den viele Jesiden aus dem Gebirge entkamen. Doch Schwache und Kranke blieben zurück.

ZEIT: Hilfe für alle kam erst durch die Bomben der Amerikaner. Befürworten Sie die Einsätze?

Bedford-Strohm: Ich war erleichtert, als die Jesiden endlich gerettet wurden. Und ich habe eine militärische Schutzzone der UN im Nordirak gefordert. Die Menschen dort sind in Panik vor einem weiteren Vormarsch des Islamischen Staates. Sie sehen die Bilder, hören die Berichte von abgeschlagenen Köpfen und haben einfach Angst. Der IS hatte große Teile der Ninive-Ebene überrollt, zwar wurden Orte zurückerobert, aber viele sind menschenleer, weil die Leute sich fürchten, zurückzukehren. Als wir die Reise planten, hörte ich, dass die Mörder des IS auf Alkosch zumarschierten, der Abt des dortigen Klosters hatte schon alle Manuskripte vergraben. Ich habe voller Angst für ihn gebetet und wusste nicht, ob er getötet würde. Doch der IS wurde kurz vor Alkosch gestoppt. Jetzt konnte ich den Abt treffen, wir haben in seinem Kloster Kaffee getrunken, und er hat erzählt. Das war einer der schönsten Momente meiner Reise.

ZEIT: Wie begründen Sie als Christ Ihr Ja zu Militäreinsätzen?

Bedford-Strohm: Wir machen uns natürlich schuldig, wenn wir Gewalt anwenden. Denn auch die Gewalttäter des IS sind Geschöpfe Gottes. Aber wir machen uns auch schuldig, wenn wir nichts tun.

ZEIT: Die Mehrheit der Deutschen will nicht einmal Waffen an die Kurden liefern.

Bedford-Strohm: Wenn mir jemand eine Möglichkeit nennt, die bedrohten Menschen im Irak wirksam zu schützen ohne militärische Mittel, ändere ich gern meine Meinung. Leider überschätzen wir ja oft das Militär. In Afghanistan wie auch im Irak gab es viele Jahre Krieg – und am Ende doch keine Sicherheit. Den Vorrang müssen immer zivile Mittel der Konfliktbewältigung haben.

ZEIT: Wie nah müssen uns andere sein, damit wir verpflichtet sind, ihnen zu helfen?

Bedford-Strohm: Das christliche Gebot der Nächstenliebe bezieht sich auf alle Menschen. Unsere Verantwortung hat keine geografischen Grenzen. Ich war oft in Ruanda, wo 800 000 Menschen innerhalb von nur hundert Tagen starben, weil die Weltgemeinschaft nichts tat. Die UN-Truppen standen daneben und durften ihre Waffen nicht benutzen. Das darf nie wieder passieren.

ZEIT: Was sagen die Geistlichen im Irak dazu?

Bedford-Strohm: Sie hoffen auf militärischen Schutz durch die UN. Ich habe bei einem ökumenischen Gottesdienst dort gepredigt. Es war eine große Einigkeit im Geist spürbar. Die orthodoxen Gesänge der Flüchtlinge, die so viel Leid erleben mussten, haben mich sehr berührt. Die obersten Islamgelehrten in Kurdistan berichteten uns übrigens von einer Erklärung des kurdischen Religionsrates, die die Mitgliedschaft im IS als Sünde und Abfall vom Islam bezeichnet.

ZEIT: Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland wird eine friedensethische Stellungnahme zum Irak veröffentlichen. Was steht darin?

Bedford-Strohm: Die EKD appelliert an die UN, ihre Schutzverantwortung wahrzunehmen und mit internationaler Polizeigewalt Leben zu schützen. Zugleich ist umfassende humanitäre Hilfe nötig, damit die vielen Hunderttausend Flüchtlinge dort den Winter überleben.

Spenden: Diakonie Katastrophenhilfe; Konto 502 502, BLZ 210 602 37; Evangelische Darlehensgenossenschaft Kiel