Selbst im Knast empfängt Heinrich Maria Schulte im Maßanzug. Kaum fünf Quadratmeter groß ist die Besuchszelle, ein fensterloser Raum mit einem Sperrholztisch in der Mitte. Darunter ist eine Trennwand geschraubt, damit Besucher den Häftlingen nicht heimlich Drogen oder Waffen übergeben können. Ein demütigender Raum. Aber Heinrich Maria Schulte sitzt da wie immer: sehr groß, sehr schlank, sehr aufrecht. Mit gepflegten Nägeln und teurer Uhr.

Schulte war erfolgreicher Arzt, Medizinprofessor, Duzfreund vieler renommierter Wissenschaftler weltweit. Er war erfolgreicher Unternehmer, er war Banker, Inhaber des traditionsreichen Bankhauses Wölbern. Beste Lage in der HafenCity. Und er war der Liebling der Hamburger Society. Doch vor genau einem Jahr endete seine Erfolgsgeschichte. Seither sitzt Schulte im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis, wegen Fluchtgefahr.

23. September 2013: Staatsanwaltschaft und Polizei rücken an, durchwühlen Schultes Büros und Privaträume nach Beweisen – und nehmen ihn fest. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Geld von Anlegern veruntreut zu haben. Im ganz großen Stil. 150 Millionen Euro sollen zwischen 2011 und 2013 aus Fonds der Wölbern Invest verschwunden sein, 40 Millionen davon irgendwo auf Schultes Privatkonten. Schulte bestreitet die Vorwürfe. Das Hamburger Landgericht verhandelt seit Mai über den Fall. Drohendes Strafmaß: 15 Jahre Gefängnis. Wie konnte es bei einem wie Schulte so weit kommen?

Die Verhaftung von Heinrich Maria Schulte hat nicht nur das Bild eines großen Charismatikers zerstört. Sie hat auch gezeigt, dass der Glamour, der jemanden umgibt, oft nicht nur Ergebnis, sondern auch Rezept des Erfolges ist. "Man dachte immer: Schulte hat eine so sagenhafte Karriere hingelegt. Da muss einfach alles in Ordnung sein", sagt ein ehemaliger Kollege aus der Gesundheitsbranche.

Luxusleben: Villa an der Elbchaussee, Bilder von Warhol, eine Jacht

In Schultes Leben war alles immer eine Nummer größer als bei anderen. Er besaß nicht nur Villen, sondern Anwesen. Er hatte keine Kleinfamilie, sondern sieben Kinder von mehreren Frauen. Keine Arztpraxis, sondern gleich eine ganze Kette davon.

Bis zur Inhaftierung war er Gesellschafter des Endokrinologikums in Altona, einer Gemeinschaftspraxis für Hormon- und Stoffwechselstörungen. Mit inzwischen 15 Standorten ist es das größte ambulante Ärztenetz Deutschlands. "Das ist mein Beitrag zur ambulanten Medizin in Deutschland", sagt Schulte. Sein Blick bleibt fest, wenn er solche Sätze sagt. Er spricht sie beiläufig aus. Wie etwas, das ohnehin selbstverständlich ist. Andere hätten sich nach dem Erfolg der Praxen am Ziel ihrer Karriere geglaubt. Für Schulte ging es damit erst richtig los. Er gründete weitere Firmen, besonders erfolgreich wurde das Biotechunternehmen Evotec, das es von Hamburg aus zu einem Unternehmen von Weltrang brachte.

Der Börsengang von Evotec 1999 spülte Millionen in Schultes Kasse. Von da an tanzte er auf dem ganz großen Parkett. Wo Schulte war, da war oben. Er besaß eine Villa an der Elbchaussee, ein Anwesen in Kampen auf Sylt, eine Wohnung in St. Peter-Ording. Eine Kunstsammlung im Wert von vielen Hunderttausend Euro, darunter Bilder von Gerhard Richter und Andy Warhol. Eine Jacht, für die er monatliche Leasingraten von 72.000 Euro überwies. Schulte hatte alles. Und als 2006 das Hamburger Bankhaus Wölbern ausgeschrieben wurde, kaufte er sich eben auch noch eine Bank. "Ich wollte nie eine Bank haben", sagt Schulte. "Das war reiner Zufall."

Schulte will die Beine übereinanderschlagen, aber es geht nicht. Die Trennwand unter dem Tisch ist im Weg. Mit dem Stuhl nach hinten rücken kann er auch nicht mehr, da ist die Wand. Also rutscht er auf dem Stuhl möglichst unauffällig hin und her, versucht, eine bequeme Position zu finden. Sein Blick bleibt dabei starr nach vorn gerichtet. Er erzählt einfach weiter. Namen, Titel, noch mehr Namen, noch mehr Titel, bloß keine Unterbrechung. Nicht dass das Thema auf die Tristesse dieser Zelle kommt.

Also zurück zu der Bank, die ihn hierhergebracht hat. Die Bank, die er ohnehin nie haben wollte. Die er nur gekauft hat, weil er Geld für neue Unternehmen brauchte und dafür ein Emissionshaus gesucht hat, mit dem er Fonds auflegen konnte. Da hat er eben bei Wölbern mitgeboten. Was hätte er auch sonst tun sollen in dieser Situation? Schulte zuckt mit den Schultern.