"Bei uns ist alles üppig" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Kosky, Sie gelten als der Heilsbringer der Operette im 21. Jahrhundert, Anfang 2015 richtet die Komische Oper Berlin ein regelrechtes Operettenfestival aus – mit der Schönen Helena, mit Ball im Savoy, Eine Frau, die weiß, was sie will, Clivia und der Fledermaus. Sind die Zeiten draußen auf der Straße gerade besonders günstig für das Genre?

Barrie Kosky: Ich wäre da vorsichtig. Die Operette ist ja nicht so alt, vielleicht 150 Jahre. Es kann Zufall sein oder auch nicht, dass ihre goldenen Zeiten sich mit den Vorabenden großer Katastrophen decken – dem Börsencrash von 1873, dem Zusammenbruch des französischen Empires, der Weimarer Republik. Insofern liegt die Metapher vom "Tanz auf dem Vulkan" nahe, wenngleich Johann Strauss, Jacques Offenbach und Paul Abraham sicher nicht gewusst haben, in welche Zeitgeschichte sie hineinkomponierten. Aber es gibt zwei fundamentale Unterschiede, wenn wir heute Operette machen, und die sind mir wichtig. Erstens bringen wir keine neuen Stücke ...

ZEIT: Warum eigentlich nicht?

Kosky: Sagen Sie mir Komponisten und Librettisten, die das können? Es ist mein absoluter Traum, in Berlin eine Operette uraufzuführen, aber das ist nicht so leicht. Momentan sind wir noch auf der Suche.

ZEIT: Trotzdem fragt man sich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen den Krisenherden in der Welt und den Aufführungen an der Behrenstraße, die so witzig, intelligent und knallbunt sind wie lange nicht mehr. Das Publikum sagt offenbar, ja, da gibt es einen Zusammenhang, wir wollen dieses Theater, und dankt es Ihnen mit 20 Prozent mehr Zulauf.

Kosky: Ganz ehrlich: Diesen Erfolg hätte ich nie erwartet. Aber würden Sie die Frage nach der Krise und der Kunst bei Wozzeck oder Wagners Ring auch stellen? Mir ist das zu direkt. Außerdem – und das ist der zweite Unterschied zu früher – sind wir in Deutschland ja längst nicht so krisenbehaftet wie andere Länder. Man kann nicht sagen, dass das Berliner Straßenbild nur von Armut, Arbeitslosigkeit, Chaos und Gewalt geprägt wäre. Insofern stimmt es auch nicht, zu sagen, dass die Leute, weil ihr Leben so schwer ist, nach nichts so lechzen wie nach Unterhaltung. Ich glaube vielmehr an einen ästhetischen Wandel. Das Publikum entdeckt die Operette wieder, weil das Theater der siebziger, achtziger und neunziger Jahre vorbei ist. Man will keine gusseisernen Dramaturgien mehr, und es braucht die Faust des Regietheaters genauso wenig wie den Plüsch, gegen den dieses revoltiert hat. Das heutige Publikum will variety, Vielfalt, alle Genres, Ernsthaftigkeit, Tiefe und Vaudeville.

"Das ist meine Dramaturgie! Tacheles, Seele, Körper!"

ZEIT: Also die Post-Postmoderne? Ein potenziertes anything goes?

Kosky: Ihr Deutschen seid furchtbar, ihr müsst immer alles in Schubladen stopfen!

ZEIT: Das beruhigt uns.

Kosky: Mich beunruhigt das! Für mich, einen Australier mit ungarisch-polnisch-russischen Wurzeln, ist es absolut selbstverständlich , in einer Woche Zimmermanns Soldaten, Rameaus Castor und Pollux und Dostals Clivia zu spielen. Und dahinter verbirgt sich keine neue Dramaturgie und auch kein neuer Begriff von Musiktheater, kein Stil des Hauses oder so etwas, sondern es ist ganz natürlich, organisch und authentisch. Es ist das, was die Komische Oper Berlin braucht. Der Vorhang geht auf – und niemand weiß, was kommt. Als Intendant habe mich gefragt: Was möchte ich selber, wenn ich ins Theater gehe? Ich möchte überrascht werden, ich möchte begeistert sein, ich will lachen oder weinen, ich möchte etwas zum Nachdenken haben, ich möchte etwas spüren, ich möchte unterhalten werden, und ich möchte nach drei Stunden das Gefühl haben, das war kein verlorener Abend.

ZEIT: Das klingt total simpel. Warum machen es nicht alle so?

Kosky: (lacht) Das weiß ich nicht. In der Komischen Oper Berlin ist alles einfach. Wir sind sehr flexibel, das erleichtert vieles. Das Orchester kann eben Jazz spielen und Zimmermann und Rameau, und wenn wir für eine Neuproduktion wie Schönbergs Moses und Aron neun Wochen Proben brauchen, weil es für den Chor so schwer ist, dann kriegen wir neun Wochen Proben. An großen Häusern geht das nicht, die sind viel zu schwerfällig. Bei uns geht das. Außerdem hat die Komische Oper Berlin immer von ihren Künstlerintendanten gelebt, seit Walter Felsenstein. In diese Tradition stelle ich mich gern. Meine Dramaturgen brüten nicht nur im stillen Kämmerlein und schreiben kluge Essays fürs Programmheft, die sitzen auch und vor allem in der Probe und sagen: Barrie, die Perücke ist doof, die stimmt nicht. Das ist meine Dramaturgie! Tacheles, Seele, Körper!

ZEIT: Und schon blüht die Renaissance der Operette?

Kosky: Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Ich habe über diesen Erfolg viel nachgedacht. Es gibt verschiedene Gründe dafür. Fangen wir mit den Dimensionen an: Bei uns ist alles üppig, wie damals, wie im Metropol-Theater. Tänzer, Kostüme, Bühnenbild, großes Orchester! Dann die Besetzung: Opernsänger mit Nichtopernsängern zu mischen ist sehr sexy – und noch mehr sexy, wenn berühmte Namen dazukommen: Dagmar Manzel, Helmut Baumann, die Geschwister Pfister, Gayle Tufts, Katherine Mehrling, Dominique Horwitz. Und drittens ist die Musik genial. Das ist für uns überhaupt das erste Argument: die Musik. Und die Leute vertrauen uns, dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Sie wissen, dass sie kein österreichisches Sommertheater à la Mörbisch serviert bekommen – und im Libretto lauern auch keine Heiner-Müller-Implantate. Nichts gegen Heiner Müller!

ZEIT: Und nichts gegen Peter Konwitschny, der als Schüler von Ruth Berghaus zu solchen Verfremdungseffekten gerne gegriffen hat?

Kosky: Gar nichts gegen Berghaus oder gegen Konwitschny, er ist ein genialer Regisseur. Aber die Zeit ist weitergegangen.

ZEIT: Arbeitet die Zeit nicht auch gegen die Operette? Wer von Ihren Darstellern kann das heute, was Operette braucht, handwerklich gesehen?

Kosky: Operette ist das Schwerste, insofern trifft Ihre Frage ins Schwarze. Allein die Übergänge von den Dialogszenen zur Musik und umgekehrt. Normalerweise ist es so: Die Musik stoppt, es wird geredet, la lala la la lalala la lala, wieder Stopp – und Musik. Grauenhaft! Generationen von Fledermaus-Inszenierungen sind so vernichtet worden. Es geht um die innere Musikalität des Ganzen, ums Timing. Viele Darsteller haben das im kleinen Finger, die müssen nicht darüber nachdenken. Viele Jüngere aber haben es noch nicht. Dann ist es oft Knochenarbeit, dann probiert man drei Stunden lang an einem zweiminütigen Dialog herum.

ZEIT: Gibt es Vorbilder, die Sie empfehlen?

Kosky: Oh ja! Ich erzähle auf den Proben viel über Buster Keaton oder die Marx Brothers, die alle ihre Filme vorher auf der Bühne ausprobiert und minutiös einstudiert haben. Von ihnen kann man unendlich viel lernen. Und meine sängerischen Ideale sind natürlich Richard Tauber, Fritzi Massary, Oskar Denesch und Josef Schmidt. Da reichen ein paar Takte, und man begreift, wie falsch das ist, was einem heute dank gewisser Starsänger als Operette untergejubelt werden soll.

ZEIT: Von wem denn so?

Kosky: Sorry, no names.

ZEIT: Wie wichtig ist Berlin für Ihre Arbeit? Oder würden Ball im Savoy oder Die schöne Helena in Castrop-Rauxel genauso funktionieren?

Kosky: Nicht genauso. Berlin ist schon sehr wichtig, die Geschichte der Stadt, ihre politische Vergangenheit, das Zerrissene: auch wenn die Leute es vielleicht nicht mehr en détail wissen, es ist doch noch in der Architektur, in der Luft. Und in den Stücken. Die Frage ist doch immer: Was wäre gewesen, wenn es die Nazis nicht gegeben hätte? Das kann ich mich in Castrop-Rauxel auch fragen, aber in Berlin hat es eine andere Brisanz. Ich sage Ihnen, was gewesen wäre: Paul Abraham hätte angefangen, große Opern zu schreiben, Kurt Weill hätte noch ein oder zwei Meisterwerke mehr verfasst, Otto Klemperer hätte an der Krolloper weiter mit Jazz experimentiert – und irgendwann wäre die Stadt vor Kreativität geplatzt.

"Als Künstler möchte ich keine politischen Parolen verteilen"

ZEIT: Haben Sie vielleicht auch ein nostalgisches Interesse an dieser Zeit?

Kosky: Als Jude, der den Deutschen sagt: Schämt euch, wen ihr alles davongejagt und verloren habt? Nein! Das wäre mir peinlich. Ich mache keine Education-Projekte. Ich habe einen jüdischen Hintergrund, ja, und vielleicht habe ich deshalb auch ein Faible für die Operette, weil die Operette in gewisser Weise ein jüdisches Genre ist. Aber darum geht es nicht. Ich möchte vielmehr sagen: Schaut her, das ist ein Stück deutsche Kultur. Seid stolz darauf, genießt es, feiert es! Alle diese Komponisten haben sich als Deutsche begriffen, nicht als deutsche Juden oder jüdisch-deutsch oder sonst etwas, sondern als Deutsche. Es ist wichtig, heute vielleicht wichtiger denn je, die Geschichte nicht zu vergessen, Deutschland hat daran 70 Jahre lang hart gearbeitet. Als Künstler aber möchte ich keine politischen Parolen verteilen, sondern ein Lebensgefühl vermitteln, ich möchte Vitalität.

ZEIT: Sind Operette und Oper dafür im 21. Jahrhundert die richtigen Medien? Sind sie nicht viel zu komplex und kompliziert, viel zu schwerfällig?

Kosky: Wir leben in komplexen und komplizierten Zeiten, don’t we? Ich muss gestehen, ich kann das Gerede von der Krise der Oper nicht mehr hören. Die Krise der Met ...

ZEIT: ... die im Streit mit der Gewerkschaft gerade knapp an der Schließung vorbeigeschrammt ist ...

Kosky: ... ist eine Krise der Met, nichts sonst, very sorry, Mr. Gelb! Wollen Sie Gegenbeispiele? Das Glyndebourne-Festival hat diesen Sommer mit der besten Bilanz ever beschlossen, die Bayerische Staatsoper in München unter Nikolaus Bachler blickt auf eine Auslastung von etwa 95 Prozent, das Theater an der Wien bringt es bei seinen Opernproduktionen auf rund 93 Prozent! Okay, es kann sein, dass die mittleren Häuser Probleme kriegen. Die großen bleiben, was sie sind, unantastbar, die kleinen sind lokal geerdet – und so werden am ehesten die mittleren den Rückgang der Abonnements spüren. Es ist nicht mehr so wie bei meiner ungarischen Großmutter, die einmal in der Woche in Budapest in die Oper ging und einmal im Monat nach Wien zur Staatsoper fuhr, dreißig Jahre lang! Heute muss ich die Leute Abend für Abend begeistern, und das kann ich nur mit Authentizität. Und mit einem echten Team. Wir reden hier von Musiktheater, das heißt, wir brauchen an der Komischen Oper Berlin keine Starsänger, die fünf Tage vor der Premiere anreisen, und keine Dirigenten, die sich zur Klavierhauptprobe zum ersten Mal blicken lassen. Das ist alles bullshit und hat mit ernsthafter Arbeit nichts zu tun.

ZEIT: Auf der Homepage der Komischen Oper gibt es einen "Oper-O-maten", der einem bei der Auswahl der Stücke hilft. Das Angebot gilt für den blutigen Laien ebenso wie für den Opernfreak, man kann ankreuzen, wie viele Leichen pro Abend man erträgt und wie lang das Ganze sein darf, von "unter 2 ½ Stunden" bis "kann gar nicht lang genug sein", und am Ende gibt es eine Liste mit Vorschlägen. Selber schon mal gemacht, den Test?

Kosky: Zu meiner Schande muss ich sagen: Nein. Wobei es die Maschine mit mir leicht hätte – sie schickt mich einfach in jede Aufführung.