ZEIT: Haben Sie vielleicht auch ein nostalgisches Interesse an dieser Zeit?

Kosky: Als Jude, der den Deutschen sagt: Schämt euch, wen ihr alles davongejagt und verloren habt? Nein! Das wäre mir peinlich. Ich mache keine Education-Projekte. Ich habe einen jüdischen Hintergrund, ja, und vielleicht habe ich deshalb auch ein Faible für die Operette, weil die Operette in gewisser Weise ein jüdisches Genre ist. Aber darum geht es nicht. Ich möchte vielmehr sagen: Schaut her, das ist ein Stück deutsche Kultur. Seid stolz darauf, genießt es, feiert es! Alle diese Komponisten haben sich als Deutsche begriffen, nicht als deutsche Juden oder jüdisch-deutsch oder sonst etwas, sondern als Deutsche. Es ist wichtig, heute vielleicht wichtiger denn je, die Geschichte nicht zu vergessen, Deutschland hat daran 70 Jahre lang hart gearbeitet. Als Künstler aber möchte ich keine politischen Parolen verteilen, sondern ein Lebensgefühl vermitteln, ich möchte Vitalität.

ZEIT: Sind Operette und Oper dafür im 21. Jahrhundert die richtigen Medien? Sind sie nicht viel zu komplex und kompliziert, viel zu schwerfällig?

Kosky: Wir leben in komplexen und komplizierten Zeiten, don’t we? Ich muss gestehen, ich kann das Gerede von der Krise der Oper nicht mehr hören. Die Krise der Met ...

ZEIT: ... die im Streit mit der Gewerkschaft gerade knapp an der Schließung vorbeigeschrammt ist ...

Kosky: ... ist eine Krise der Met, nichts sonst, very sorry, Mr. Gelb! Wollen Sie Gegenbeispiele? Das Glyndebourne-Festival hat diesen Sommer mit der besten Bilanz ever beschlossen, die Bayerische Staatsoper in München unter Nikolaus Bachler blickt auf eine Auslastung von etwa 95 Prozent, das Theater an der Wien bringt es bei seinen Opernproduktionen auf rund 93 Prozent! Okay, es kann sein, dass die mittleren Häuser Probleme kriegen. Die großen bleiben, was sie sind, unantastbar, die kleinen sind lokal geerdet – und so werden am ehesten die mittleren den Rückgang der Abonnements spüren. Es ist nicht mehr so wie bei meiner ungarischen Großmutter, die einmal in der Woche in Budapest in die Oper ging und einmal im Monat nach Wien zur Staatsoper fuhr, dreißig Jahre lang! Heute muss ich die Leute Abend für Abend begeistern, und das kann ich nur mit Authentizität. Und mit einem echten Team. Wir reden hier von Musiktheater, das heißt, wir brauchen an der Komischen Oper Berlin keine Starsänger, die fünf Tage vor der Premiere anreisen, und keine Dirigenten, die sich zur Klavierhauptprobe zum ersten Mal blicken lassen. Das ist alles bullshit und hat mit ernsthafter Arbeit nichts zu tun.

ZEIT: Auf der Homepage der Komischen Oper gibt es einen "Oper-O-maten", der einem bei der Auswahl der Stücke hilft. Das Angebot gilt für den blutigen Laien ebenso wie für den Opernfreak, man kann ankreuzen, wie viele Leichen pro Abend man erträgt und wie lang das Ganze sein darf, von "unter 2 ½ Stunden" bis "kann gar nicht lang genug sein", und am Ende gibt es eine Liste mit Vorschlägen. Selber schon mal gemacht, den Test?

Kosky: Zu meiner Schande muss ich sagen: Nein. Wobei es die Maschine mit mir leicht hätte – sie schickt mich einfach in jede Aufführung.