Manchmal betritt sie jenes Zimmer, das heute ein Büro ist, immer eins war und nie eins hätte sein sollen. Sie geht zu dem Koffer hinten in der Ecke, öffnet ihn, fischt einen Strampler heraus, streicht ihn glatt.

"Sie haben den Hormonspiegel einer 60-Jährigen", sagte der Arzt, als sie gerade 33 war.

Sie nimmt die kleinen Turnschuhe in die Hand, zwei Finger passen hinein.

"Sie sind vorzeitig in die Wechseljahre gekommen."

Sie faltet das Lätzchen, noch nie war ein Fleck darauf.

"Es tut mir sehr leid, aber Sie werden auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können."

Sie legt alles zurück. Den Strampler, die Turnschuhe, das Lätzchen. Sie verschließt den Koffer, stellt ihn weg.

Sechs Jahre sind vergangen, seit der Arzt Silvana Schulze erklärte, dass eine andere Zukunft auf sie wartete als jene, die sie und ihr Mann geplant hatten. Die beiden hatten sich gerade ein Haus gekauft. Sie wollten Kinder. Aber Silvana Schulze ist unfruchtbar, so wie sechs Millionen Männer und Frauen in Deutschland.

Silvana Schulze ist Ende dreißig. Sie und ihr Mann sind bereit, alles zu tun, um sich ihren Traum vom eigenen Kind zu erfüllen. Dabei gehen sie Wege, von denen sie nie zuvor gehört hatten und die ihnen, hätten sie davon gehört, unvorstellbar erschienen wären.

Die Schulzes dachten zunächst an Adoption. Dann lasen sie, dass auf zehn adoptionswillige Paare ein Kind kommt. Also gingen sie einen Schritt weiter, es würde nicht der letzte bleiben. Sie versuchten es mit einer Eizellspende. Die Schulzes wussten, dass die Methode in Deutschland verboten ist, aber sie verstanden nicht recht, warum. Wieso sollte eine Samenspende erlaubt sein, eine Eizellspende aber nicht? Sie fuhren nach Spanien. Dort setzte man Silvana die Eizelle einer fremden Frau ein, die mit dem Samen von Silvanas Mann befruchtet worden war.

Aus Vorfreude kauften sie in Barcelona den Strampler, der heute in Silvana Schulzes Koffer liegt. Doch dieser erste Versuch missglückte. Sie probierten es ein zweites Mal. Sie warteten wieder, kauften die kleinen Turnschuhe. Doch der Schwangerschaftstest ergab wieder nur ein verdammtes Minus. Sechs Jahre, vier missglückte Versuche, 15.000 Euro Schulden.

Silvana Schulze hat blondes Haar, das sie gern verwuschelt trägt, ein rundliches Gesicht, eine Stupsnase. Trotz ihrer fast 40 Jahre hat sie etwas Mädchenhaftes. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen Ort in Hessen. Sie sitzt auf der Couch im Wohnzimmer des zu leeren Hauses, und während sie erzählt, wie ihre Verzweiflung sich steigerte und steigerte, rutscht ihre Hand immer wieder über die Sitzfläche des Sofas hinüber, sucht die Hand ihres Mannes. Wenn es doch nur klappen würde, denke sie oft, dann wäre alles gut. Dann müsste sie nicht mehr die Straßenseite wechseln, wenn sie eine Schwangere sieht. Dann könnte auch sie bei der Arbeit sagen, dass sie in den Frühdienst will, weil sie am Nachmittag zum Kindergarten muss. Dann würde endlich jemand zu ihr sagen: Mama, ich hab dich lieb.

An einem Abend im vergangenen Winter, als die Schulzes um ihren Zukunftstraum bangten, setzte sich Carlheinz Schulze an seinen Computer. Er suchte nach einer anderen Methode, nach einer Möglichkeit, die ihm bisher entgangen war. Es musste doch etwas geben! Dann fand er es. "Silvana, komm mal schnell! Ich hab was Neues!" Seine Frau eilte ins Arbeitszimmer, wo ihr Mann am Rechner saß. "Das ist es!", rief er. Ungläubig starrte Silvana Schulze auf das Wort "Embryonenspende".