Die Einfuhr von High Heels nach Russland ist ganz offensichtlich noch nicht sanktioniert. So viele, so hohe und so schöne Stöckelschuhe der neuesten westlichen Kollektionen wie Ende voriger Woche in der Moskauer Manege hat man selten an einem Ort gesehen. Hier, in einer ehemaligen Reithalle aus der Zarenzeit, an der sich tagsüber vielspurig die Porsches, BMWs und Maybachs im Moskauer Superstau drängeln, wurde die Cosmoscow eröffnet. Eine schon lange vor dem Ukrainekonflikt geplante Messe für zeitgenössische Kunst, die so international und so hochkarätig werden sollte wie keine andere Kunstmesse in Russland je zuvor. Konnte das noch gelingen? Wer traut sich heute nach Moskau? Und haben die Russen derzeit nicht andere Sorgen, als Kunst zu kaufen? An dem Stand der einzigen aus der Ukraine angereisten Galerie fehlten schon wenige Stunden nach der Eröffnung zwei Bilder, und das nicht, weil sie verkauft worden waren. Aber dazu später mehr.

Am Vorabend der Cosmoscow hatte deren Gründerin Margarita Puschkina – eine so mondäne wie gastfreundliche Frau und ehemalige Geschäftsführerin einer Bank – drei Dutzend Sammler und Galeristen in ihrer Stadtwohnung im Golden Mile genannten Stadtteil nahe der Moskwa empfangen, einem der teuersten Viertel dieser Metropole mit der höchsten Milliardärsdichte der Welt. Es wurden russische Spezialitäten als Häppchen gereicht, dazu gab es Krimsekt und Wodka, und man bekam hier einen ersten Eindruck vom Leben der russischen Elite, denen eine Isolation Russlands höchst ungelegen käme. Unter den Gästen waren Natalja Wodjanowa, das als "russische Kate Moss" bekannte, mit dem Pariser Unternehmersohn Antoine Arnault liierte Supermodel, Anton Below, der Direktor des Kunstzentrums Garage, die junge russischstämmige Sammlerin Maria Bajbakowa und selbstverständlich auch Sandra Nedwetskaja, die neue Co-Direktorin der Cosmoscow. Nedwetskajas Lebenslauf liest sich exemplarisch: Studiert hat sie an der London School of Economics und der Pompeu Fabra in Barcelona. Danach arbeitete sie fast zehn Jahre lang für das Auktionshaus Christie’s und betreute dort vor allem russische Kunden. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie – sie ist mit einem Deutschen verheiratet – in Zürich.

Es sind vor allem ganz Arme und ganz Reiche, die heute ein wirklich globalisiertes Leben führen müssen oder können. Die Armen flüchten in Schlauchbooten auf fremde Kontinente, die Reichen überqueren sie in ihren Jachten mit schöner Mühelosigkeit. Die sogenannten Ultra High Net Worth Individuals aus China, USA und Russland schicken ihre Kinder in die besten Internate des Westens, arbeiten mal hier, mal da, parken ihr Geld auf Karibikinseln oder machen dort Urlaub. Auch ihre Hobbys sind durch und durch globalisierte, sie sammeln alle die gleichen Uhren, Handtaschen – und Kunstwerke. Und so sind internationale Kunstmessen normalerweise eine gute Gelegenheit, um an dem reibungslosen Miteinander dieser Elite über nationale, religiöse und politische Grenzen hinweg Geld zu verdienen. In Moskau aber schien die Kunstmesse nicht zuerst der Geldvermehrung zu dienen, dafür waren die Teilnahmegebühren viel zu niedrig. Diese Messe hatte einen größeren Auftrag.

Die Cosmoscow soll, so scheint es, wie ein großes Weltverbesserungsunternehmen für die Moskauer Gesellschaft funktionieren. Als die Messe ihre Tore öffnete, sprachen Puschkina und Nedwetskaja von "Entwicklung" und "Förderung" einer Kultur. Sie waren angetreten, junge russische Künstler und Galeristen zu unterstützen, in Moskau neue Sammler zu gewinnen und die Stadt an den globalen Kunstbetriebszirkus anzuschließen. Und nebenbei sogar noch ein bisschen Frieden zu schaffen.

Deshalb hatten sie die Galerie Artsvit aus der Ukraine eingeladen, und diese hatte von Yoko Ono die Erlaubnis erhalten, deren Parole "Earth Peace" groß an eine Messewand zu schreiben und, auf Plakate gedruckt, zu verteilen. Im Inneren ihres Messestands präsentierten die Galeristen ein Album about War des 1982 geborenen Nikita Schalennyj: In langen, olivgrün gestrichenen Holzkisten, in denen normalerweise tödliche Raketen transportiert werden, hatte er Aquarelle nach Moskau geschickt, die Szenen von den Kämpfen in der Ostukraine zeigen, Waffen, Soldaten, das Wrack der abgeschossenen Malaysia-Airlines-Maschine MH 17. Und auf zwei Bildern auch Gesichter, die stark an Putin erinnern. Bereits kurz nach der Eröffnung der Cosmoscow deckten gelbe Post-it-Zettel die Putin-Gesichter ab, einige Stunden später waren die beiden inkriminierten Bilder abgehängt. Die Kuratorin der Galerie Artsvit erzählte, dass sie in der Zwischenzeit von dubiosen Männern besucht worden sei.

Mit ihren guten Kontakten zu russischen Sammlern und den niedrigen Standmieten hatten die Direktorinnen auch einige bekannte Galerien aus dem Westen zur Teilnahme überredet – auch Kunstwerke können die Grenzen noch ungehindert passieren. Die Galerie Michael Werner (New York, London) zeigte eine wohl um die zwei Millionen Euro teure, von Marcel Broodthaers mit allerlei Fundstücken behängte Garderobe aus dem Jahr 1965 und ein Baselitz-Gemälde aus der Serie Agbarkopf von 1984. Aus Düsseldorf war die Galerie Beck & Eggeling mit mehreren Arbeiten Heinz Macks, aber auch mit Zeichnungen und Skulpturen des russischen Künstlers Aljoscha angereist. Von massenhaften Verkäufen war am Eröffnungstag indes noch nicht die Rede.

Nur 26 kommerzielle Galerien stellten hier aus – ohne die Eskalation der geopolitischen Situation, ohne die Sanktionen und Drohungen, wären es wohl weit mehr gewesen. Die Art Moscow, eine bereits 1996 gegründete, eher auf den lokalen Kunstmarkt und niedrige Preise fokussierte Kunstmesse, hatte vergangene Woche aufgrund der aktuellen politischen Lage sogar ihre Auflösung bekanntgegeben. Und so versammelten sich in der Manege vor allem die wenigen international agierenden Moskauer Galerien. Die Galerie Triumph hatte mehrere Fotoarbeiten der russischen Künstlergruppe AES+F aufgehängt, die von so surreal wie biblisch anmutenden Figurengruppen bevölkert sind. Die Galerie Regina, eine in den Zeiten der Perestroika gegründete Institution der Moskauer Szene, bot neue Bilder von Semjon Faibissowitsch (Jahrgang 1949) für Preise um die 40.000 Dollar an, aber auch eines seiner fotorealistischen Gemälde von 1985 für 400.000 Dollar: Auf Sokol sieht man einen Mann in der Moskauer Metro sitzen und mürrisch unter seiner Pelzmütze hervorgucken. Es war ein Blick aus einer längst vergangenen Zeit.

Die russische Oberschicht sammle bisher – wenn überhaupt – vor allem die alte und die klassische moderne Kunst Russlands, erklärte eine Galeriedirektorin. Zuweilen würden diese Sammler auch zeitgenössische Kunst kaufen, aber dann meist nur die der globalen Stars wie Jeff Koons.

Und wie stehen die reichen Kunstfreunde zu Putin? Werden sie sich bei einer Verschärfung des Konflikts für Russland entscheiden oder für den Westen? Die Angesprochenen wichen diesen Fragen aus, sie schienen froh, einmal nicht über die Krise sprechen zu müssen, sondern über die Kunst. Viele der hoch gebildeten, extrem privilegierten Freunde der hier Versammelten sind in den vergangenen Wochen aber bereits dauerhaft ins Ausland gezogen.

"Die Kunst transzendiert alle politischen Konflikte", sagte Sandra Nedwetskaja vor dem feierlich angezogenen Publikum am Abend des Eröffnungstages. Das Publikum begann eher zögerlich zu applaudieren. Einige wollten dann aber gar nicht mehr aufhören zu klatschen. Und nach dem Ende der Messe meldete sich am Sonntag die Mitarbeiterin der ukrainischen Galerie Artsvit noch einmal per E-Mail. Es sei alles gut ausgegangen, sie habe das Kriegsalbum von Nikita Schalennyj sogar an einen dänischen Sammler verkaufen können. Und vielleicht habe man durch das Ausstellen in Moskau ein paar Barrieren wegräumen können. Denn das sei schließlich das wichtigste Ziel der Kunst, schrieb die Galeristin: "die nur eingebildeten Grenzen in den Köpfen der Menschen auszuradieren". Auf den Straßen von Moskau demonstrierten derweil am Sonntag Zehntausende von Menschen gegen die ganz realen Barrieren auf dem Weg in den Frieden.