Das Leben von Dana Glöß kannte lange Zeit nur eine Richtung: linksherum. So war es als Kind, als ihr Vater ihr die Schlittschuhe schnürte und sie auf die Eislaufbahn stellte. So ging es im Sportinternat weiter, in das sie mit zehn Jahren zog, um Eisschnellläuferin zu werden. Und so war es auch, als sie mit 20 Jahren die Sportart wechselte und auf das Sprinten mit dem Bahnrad umstieg. Immer im Kreis, immer linksherum. Und sie war gut darin. In ihrem zweiten Jahr auf der Radbahn wurde sie deutsche Meisterin im 500-Meter-Zeitfahren, wiederholte den Erfolg viermal in anderen Raddisziplinen und trat sogar bei Weltmeisterschaften an. "Ich bin durch die Welt gejettet, Kapstadt, Peking, Sidney", sagt Glöß, "Aber es blieb eine kleine Welt." Mit 28 Jahren wurde ihr diese Welt zu klein.

Dana Glöß wollte sich ihr Leben nicht mehr von der Stoppuhr diktieren lassen, nicht mehr nur der nächsten Bestzeit hinterherjagen, alles dem Sport unterordnen: Ernährung, Freizeit, Hobbys. Als sie ihre Laufbahn beendete, fiel sie in ein Loch. "Ich habe eine Menge Zeit gebraucht, um mich selbst wiederzufinden", sagt sie. 23 Jahre hatte sie für den Sport gelebt, jetzt brauchte sie neue Ziele.

Training, Wettkampf, Training, Wettkampf – so sieht für Profisportler das Leben aus. Bis die Karriere vorbei ist. Und dann?

Dana Glöß fand einen Job in der Organisationsentwicklung eines Betreibers von Reha-Zentren. In Krefeld. "Kennt irgendjemand Krefeld?", fragt die Berlinerin. Für sie war das tiefste Provinz. Aber es war auch der erste Schritt in ihr neues Leben.

Den zweiten Schritt macht Dana Glöß jetzt, vier Jahre später. Sie hat sich für das Teilzeit-MBA-Programm der WHU Otto Beisheim School of Management eingeschrieben. Auf dem Düsseldorfer Campus der Business School hat sie gerade ihre erste Vorlesung als Studentin gehört. In dem Gebäude einer alten Fabrik hat die WHU hier einen zweiten Standort neben Vallendar für die Management Studiengänge aufgebaut. Vor vielen Jahrzehnten wurde hier Seifenpulver hergestellt. Heute führt der Weg zu den Hörsälen vorbei an Boutiquen und schicken Restaurants. Studenten aus Indien und China lernen zusammen mit Europäern und Amerikanern im MBA-Programm der Wirtschaftshochschule.

Dana Glöß ist jetzt eine von ihnen. Unter der Woche arbeitet sie, am Wochenende lernt sie: Zunächst die Grundlagen, wie Buchführung und Finanzierungsberechnung, später kommen Vermarktung und Personalführung dazu. Zahlen muss sie für ihr Studium nichts. Sie hat ein Stipendium der Deutschen Sporthilfe. "Sprungbrett Zukunft" heißt es, die Sporthilfe will damit ehemaligen Profisportlern helfen, eine Karriere nach der Karriere aufzubauen. "Resozialisierungsprogramm für Spitzensportler", so nenne ihr Freund das, sagt Dana Glöß.

Benjamin Starke lächelt bei dieser Wortwahl. Er sitzt in einer Pause zwischen zwei Vorlesungen neben Glöß. Auch er absolviert gerade sein Management-Studium an der WHU, auch er will sich hier "resozialisieren", wenn man das so nennen will. Starke war Schwimmer, seine Paradedisziplin Schmetterling. Er ist Weltmeister mit der deutschen Staffel geworden und war bei den Olympischen Spielen in Peking und London dabei.

Disziplin, Motivation, mentale Stärke – Sportler haben Führungsfähigkeiten

Das Ende seiner Sportkarriere ist dem 27-Jährigen nicht leicht gefallen. "Bei jedem Sportler ist das eine besondere Lebenssituation. Vielleicht kann man es mit jemandem vergleichen, der aus der aktiven Arbeitswelt ausscheidet und sich neue Aufgaben suchen muss. Das ist die erste Rente, wenn man so will", sagt Starke. Es dauert eine Zeit, sich daran anzupassen. Körperlich, weil die Muskeln nicht mehr so ausgelastet sind. Mental, weil die Anforderungen plötzlich ganz andere sind. Starke suchte sich eine erste Stelle bei einem Start-up-Unternehmen, das medizinische Weiterbildung anbietet. Während seiner Zeit als Sportler hatte er schon im Fernstudium einen Bachelor in Sanitäts- und Rettungswesen gemacht. Sein richtiger Einstieg in das Berufsleben nach dem Sport soll jetzt der MBA sein.

Dass er den an der WHU macht, liegt vor allem an Sascha Schmidt, Lehrstuhlinhaber des Center for Sports and Management. Der Professor ist gerade erst mit seinem gesamten Institut für Sport, Wirtschaft und Gesellschaft von der European Business School (EBS) zur Otto Beisheim School gewechselt. Kollege Spitzensportler heißt eine Studie, die er noch an der EBS veröffentlicht hat. Darin untersucht er, wie Profisportler ihre Fähigkeiten aus der ersten in der zweiten Karriere nutzen können. Disziplin, Motivation, mentale Stärke, all das, was in Führungskräfteseminaren gepredigt wird, hätten erfolgreiche Sportler jahrelang vorgelebt, sagt Schmidt. "Das kann man nicht antrainieren." Aber die Sportler seien sich gar nicht der Fähigkeiten bewusst, die sie schon mitbringen. Im MBA sollen sie diese Stärken erkennen und nutzen lernen.