Es ist am Staat, "die Entscheidungen zu treffen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft" – so hat es John Maynard Keynes 1926 an der Berliner Universität gesagt, und so beginnt Mariana Mazzucatos Buch über das schlecht genutzte Kapital des Staates. Mazzucato, Ökonomieprofessorin in Sussex, hält sich nicht lange mit der empiriefreien Theologie des Ultraliberalismus auf. Sie nimmt die Ideologie des politisch gezügelten Kapitalismus ins Visier, der zufolge Wachstum und Wohlstand gesichert werden, wenn der Staat sich darauf beschränkt, die Rahmenbedingungen zu setzen, in denen die Marktkräfte spielen können und freie Unternehmer ihre Kreativität entfalten.

Diese Streitschrift erinnert daran, dass der Staat immer mehr getan hat, als Rahmenbedingungen und Infrastruktur zu garantieren oder "Marktversagen" auszugleichen. In Deutschland zumal, "dessen Aufstieg zu einer wirtschaftlichen Großmacht im 19. Jahrhundert das Ergebnis eines vom Staat geförderten technischen Ausbildungs- und Qualifizierungssystems" war. In Europa war es schon immer der Staat, der die langen Wachstumswellen ausgelöst hat: vom Eisenbahnbau über die staatlichen Forschungsinstitutionen und Universitäten bis hin zur Elektrifizierung und zum Straßenbau. Auch wenn das in den Frühzeiten der USA anders war: Heute hängen dort die avanciertesten Branchen wie Pharma, Nanotechnik und IT an der Nabelschnur des Staates. Mazzucato dekonstruiert mit viel empirischem Material die Mythen von kreativen Start-ups und von risikoverliebten venture capitalists. Die steigen immer erst ein, wenn der unternehmerische Staat seine Arbeit getan hat. Das schlagendste Beispiel ist ausgerechnet Apple. Von der Halbleitertechnik über die Entwicklung der Touchscreens bis hin zu GPS, Microdrive-Technik, den leistungsstarken Batterien oder der akustischen Helferin Siri – die Entwicklung aller wesentlichen Technologien, die in iPod, iPhone, iPad stecken, wurde wesentlich vom Staat initiiert und finanziert. Zu schweigen vom Internet, dessen Entstehung und Ausbau ohne öffentliche Gelder nicht denkbar sind. Nicht zuletzt beruht die Finanzkraft von Apple auf staatlicher Nachfrage: 58 Prozent der Computer in den amerikanischen Schulen stammen aus dessen chinesischen Fabriken. Apple ist nur das strahlendste Beispiel für Mazzucatos Untersuchung des unternehmerischen und innovativen Staates: Auch Googles und Amazons ambivalente, zivilisationsverändernde Erfolge beruhen auf Algorithmen, die in staatlichen Forschungseinrichtungen entwickelt wurden. Die Empirikerin Mazzucato spart sich Tiraden gegen den militärisch-industriellen Komplex oder gar den staatsmonopolistischen Kapitalismus. Sie gibt dem Unternehmer Steve Jobs den vollen Kredit als genialischer Verwerter und Marketing-Kopf; aber sie nimmt ihm und der Risikokapital-Kultur den heroischen Glanz der schumpeterschen "schöpferischen Zerstörer".

Wachstumsschübe in entwickelten Gesellschaften gehen zumeist auf Basisinnovationen zurück, die den Charakter des gesellschaftlichen Produktionsapparates umwälzen. Sie setzen ein ganzes wirtschaftliches Ökosystem voraus: die Symbiose von staatlicher Forschung, neuer Infrastruktur, unternehmerischem Handeln, einer qualifizierten Arbeiterschaft und gesellschaftlicher Nachfrage. Diese Symbiose, die über Jahrzehnte nicht zuletzt für soziale Stabilität gesorgt hat, ist, so Mazzucatos Polemik, in den letzten Jahrzehnten "parasitär" geworden. Wie in der Finanzwirtschaft werden auch in der avanciertesten Realökonomie die Lasten und Risiken "zwar kollektiv getragen, aber die Gewinne werden keineswegs kollektiv verteilt". Dem Staat bleiben am Ende, wegen der innovativen Steuerfluchtpraktiken, nicht einmal mehr die Steuern und nicht einmal die Arbeitsplätze, die dort entstehen, wo die Arbeit am billigsten ist. So konnte es dazu kommen, dass gerade die kreativste, von Regierungen gepäppelte Region Kalifornien in einer dauerhaften Finanzkrise steckt. Wenn die Sicherung des Gemeinwohls, die Finanzierung der Infrastruktur, der Bildungskultur, der Qualifikation und des sozialen Friedens, in der globalisierten Welt nicht mehr über Steuern möglich ist – wegen der Vermeidungsstrategien der nicht mehr national gebundenen Akteure –, dann, so Mazzucato, muss über andere Formen der Entschädigung des staatlichen Investors nachgedacht werden: etwa Tantiemen auf Patente, die aus staatlichen Laboren oder Universitäten kommen, über Beteiligungen an Unternehmen, deren Know-how sich staatlicher Förderung verdankt. Bei alldem ist Mazzucato keine Planwirtschaftlerin, keine Revolutionärin und keine Stamokap-Theoretikerin. Sie plädiert für einen Staat, der als das handelt, was er schon längst ist: der größte Unternehmer, der endlich seinen Anteil am Gewinn der von ihm initiierten und geförderten großen Unternehmungen reklamieren muss. Nicht um sich, sondern um die Gesellschaft reicher und zukunftsfähig zu machen. Mazzucato lehrt in England, ihre Fallstudien sind auf den angelsächsischen Wirtschaftsbereich gerichtet und auf eine Orthodoxie, die schon der Gedanke, dass Innovationen nicht das Werk individualistischer Wirtschaftshelden, sondern eines "kollektiven" Geflechts sind, "als Vorstufe des Kommunismus" schreckt. Die implizite Botschaft an deutsche und europäische Politiker lautet: Ihr könntet besser sein. So polemisiert sie gegen die "deutschen Falken", die nicht nur mit ihrem "europäischen Fiskalpakt" den europäischen Ländern, die in Forschung investieren müssten, die Entwicklungsmöglichkeiten beschneiden, sondern gerade dabei sind, im eigenen Land das gelungenste neuere Beispiel für das zukunftsorientierte Zusammenwirken von Wirtschaft und Staat, die Energiewende, kaputt zu machen. Denn sie schrecken vor der "schöpferischen Zerstörung" der Energiefossilien-Konzerne zurück und investieren nicht entschlossen und mutig in den Ausbau dezentraler intelligenter Stromnetze.