Über Stunden war ein Donnerhagel auf Syrien niedergegangen: zweihundert Hightech-Geschosse, abgefeuert von vier Dutzend Kampfjets und Marineschiffen, gestellt von einer Allianz von Nationen, die man vor ein paar Wochen noch für undenkbar gehalten hätte.

In Washington und Rakka, in New York und Berlin stellen die Menschen jetzt sehr verschiedene Fragen nach dieser ersten Nacht eines neuen Krieges. In der amerikanischen Hauptstadt herrscht ein fast bewunderndes Erstaunen. Obama kann es doch? So schnell, so kraftvoll zuschlagen?

Die Bewohner von Rakka in Nordsyrien hingegen dürften etwas anderes denken. Dreieinhalb Jahre lang hat die syrische Opposition nach militärischer Hilfe aus dem Ausland geschrien, dreieinhalb Jahre lang passierte nichts. Warum erst jetzt?

Rakka, die erste Provinzhauptstadt, die Gegner des syrischen Diktators Basshar al-Assad nach Beginn des Aufstands im März 2011 unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Zunächst hatten die Menschen dort relativ ungestört leben können. Im Januar 2014 schließlich nahmen die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) Rakka ein und machten es zu einem Hauptquartier des "Kalifats". Die Gotteskrieger vertrieben Christen und andere Minderheiten und schockten die Bevölkerung mit öffentlichen Hinrichtungen durch Erschießen, Steinigen, Enthaupten.

Trotzdem – was bedeutet die Intervention für das internationale Recht? Für das ohnehin angeschlagene Friedenssystem Vereinte Nationen? Mit dieser bangen Frage landeten am Dienstagabend Außenminister und Staatschefs aus aller Welt in New York. Fast schien es, als habe der US-Präsident den Zeitpunkt der Bombardierungen als bewusste Provokation gewählt – am Vorabend der Generalversammlung der UN. Vor dem Einlass auf das UN-Gelände stehen Briten und Franzosen mit einigen arabischen Emissären vom Golf in der Septembersonne. Sie freuen sich hörbar über die Ereignisse der letzten Nacht. Vielleicht konnte der US-Präsident tatsächlich keinen besseren Ort finden, um seine wichtigste Botschaft an den Mann zu bringen: "Das ist nicht Amerika gegen den ›Islamischen Staat‹, das sind die Staaten der Region gegen den ›Islamischen Staat‹, das ist die Welt gegen den IS." So hat Obama seine Strategie beschrieben, vor erst zwei Wochen, und so wiederholt er sie in New York. Tatsächlich hat es sein Außenminister John Kerry geschafft, eine nicht nur breite, sondern auch eine überraschend entschlossene Koalition gegen den IS zu schmieden. Saudi-Arabien, Katar, Jordanien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate haben an den Luftangriffen auf Syrien teilgenommen.

Kaum hatten die Delegationen aus aller Welt Quartier bezogen, sorgte der syrische Außenminister für Aufsehen, als er über den Propagandasender des Kreml Russia Today in die Vollversammlung hineinrief, dass seine Regierung die Luftangriffe begrüße: "Wenn es ehrliche Bemühungen gibt, den IS zu bekämpfen, dann wird uns das willkommen sein."

Die Vereinten Nationen haben zu der Intervention gegen den IS keine Resolution verabschiedet, sondern bisher lediglich eine weniger gewichtige "Präsidialerklärung" des Sicherheitsrates. Darin bekräftigen alle Mitglieder, auch Russland und China, dass sie den Kampf unterstützen. Aus Diplomatenkreisen sickerte das Argument durch, mit dem die Amerikaner die Luftschläge begründen werden: Der Irak hat nach Artikel 51 der UN-Charta um Hilfe zur Selbstverteidigung gerufen. Die arabisch-westliche Koalition kommt dieser Bitte nach und bekämpft den IS nicht nur im Irak, sondern auch in dessen Rückzugsräumen in Syrien. Damit seien, so die Diplomaten, die Luftangriffe in Syrien durch den Hilferuf der Bagdader Regierung gedeckt.

"Viele Leute hier haben Angst vor den Bomben und trauen Amerika nicht"

Russland grollt bisher nur leise, die Intervention verstoße gegen die UN-Charta. Lautstarker Protest regt sich nicht. In Washington stellt ohnehin niemand, kein Politiker, kein Journalist, Fragen nach dem Völkerrecht.

Ein neuer Krieg im Mittleren Osten, das Ereignis, vor dem sich die Welt seit Jahren fürchtet – und niemand empört sich. Das ist bemerkenswert. Doch was kommt nach den Luftschlägen?