Wenn Alexander Dobrindt sich nicht mit der Pkw-Maut herumschlägt, verzweifelt er an der Bahn. Jeder Zugreisende soll kostenlos im Internet surfen können – so wünscht es sich der Verkehrsminister. Er forderte es Anfang Januar in der FAZ. Er forderte es im Mai, als er der Bahn riet, alle neuen Züge mit Breitbandtechnik auszustatten und die alten nachzurüsten. Anfang der Woche legte er in der Bild- Zeitung noch einmal nach. Die Bahn solle das "Verkehrsmittel des digitalen Zeitalters" werden.

Doch sooft Dobrindt seine Forderung wiederholt, so zurückhaltend reagiert der Bahnchef: Die Bahn befinde sich lediglich in einer "Testphase", sagt Rüdiger Grube. "Ich möchte nichts versprechen, was wir nachher nicht einhalten können. Was "Testphase" bedeutet, sieht man zum Beispiel auf der Strecke von Hamburg nach Berlin: Das Netz ist oft überlastet, und wer kein Telekom-Kunde ist, muss für den Zugang zahlen. Von einer flächendeckenden Internetversorgung ist Deutschland weit entfernt – nicht nur in Zügen und Bahnhöfen.

Deutschland mag eine der wirtschaftlich stärksten Nationen der Welt sein. Aber die Versorgung mit Internetanschlüssen ist nicht einmal Mittelmaß. Schon vor fünf Jahren versprach Angela Merkel, jeden Haushalt mit schnellem Internet zu versorgen, aber bis heute haben Millionen deutsche Haushalte keinen schnellen Breitbandanschluss, die Versorgung mit Glasfaserkabeln ist miserabel. Gleichzeitig sehen immer mehr Menschen übers Internet fern, sie streamen Serien und Filme, telefonieren übers Internet. Wenn die Verbindung hakt, ist das für Privatleute nervig. Für Unternehmen kann es existenzbedrohend sein: Bauern steuern übers Netz ihre Melkmaschinen, Pensionsbetreiber ihre Zimmerbuchungen. Es gibt Unternehmen in der Provinz, die verschicken ihre Daten auf Festplatten – per Post.

Dabei ginge alles auch anders. In den Niederlanden gibt es in den staatlichen Schnellzügen kostenloses WLAN, in England sind sogar Regionalzüge mit Hotspots ausgestattet. In Finnland, in der Schweiz und sogar in Kenias Hauptstadt Nairobi kann man in öffentlichen Bussen surfen. In Indien werden entlegenste Dörfer mit Breitbandanschlüssen versorgt, viele Schulkinder bekommen vom Staat gleich noch einen kostenlosen Tablet-Computer dazu. In Estland gibt es sogar am Strand und im Wald Internetempfang, der Zugang zu Breitbandinternet ist dort in der Verfassung verankert. In Deutschland gehört ein schneller Internetanschluss laut dem Telekommunikationsgesetz nicht zur Grundversorgung.

Mindestens 20 Milliarden Euro würde es kosten, deutschlandweit schnelles Internet anzubieten. Aber nur daran liegt es nicht. Andere Länder sind ärmer als Deutschland und trotzdem viel weiter.

Zu lange hat die deutsche Regierung geglaubt, der Markt allein werde die Sache regeln: Anbieter wie die Telekom sollten selbst dafür sorgen, dass nicht nur die Menschen in Berlin und München, sondern auch die im Schwarzwald und in der Uckermark schnelles Internet bekommen. Doch es lohnt sich für die Unternehmen nicht. Für die Strom- und Wasserversorger gibt es Gesetze und Anreize, auch dort Kabel und Rohre zu verlegen, wo wenige Kunden wohnen. Für die Internetversorgung gibt es das nicht.

Um daran etwas zu ändern, müsste die Politik es wollen. Aber für keinen Politiker ist es attraktiv, sich um die lahmen Internetanschlüsse der Dorfbewohner und die Hotspots der Bahnkunden zu kümmern – auch für Alexander Dobrindt nicht. Auf dessen Visitenkarte steht zwar Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Aber er ist nicht Deutschlands Internetminister. Er ist nur einer von dreien. Mit Innenminister Thomas de Maizière und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel teilt er sich die Zuständigkeit für Digitalthemen. Wenn es zu investieren gilt, dann wird um Geld gestritten. Wenn es Erfolge gibt, dann werden sie durch drei geteilt. Zu einer entschlossenen Politik hätte es gehört, einen klaren Zuständigen zu erklären, vielleicht sogar ein eigenes Internetministerium zu gründen.

Erst vor wenigen Wochen hat die Regierung ihre "Digitale Agenda" vorgestellt. Bis 2018 will sie jeden Haushalt mit einem 50-Megabit-Anschluss versorgen. Sollte die Regierung das schaffen, dann hinkte sie wohl trotzdem hinterher. Experten gehen davon aus, dass der Bedarf dann längst viel höher liegen könnte – bei 300 Megabit pro Sekunde.