Der Schock sitzt tief, plötzlich stammen die selbst ernannten Gotteskrieger aus dem eigenen Land: Auch Jugendliche und junge Erwachsene aus Österreich fühlen sich von der Terrororganisation "Islamischer Staat" angezogen. Rund 140 sollen es sein, die mittlerweile in den Dschihad gezogen sind, für eine Organisation, die behauptet, Enthauptungen, Vergewaltigungen und Terror wären ein Teil des Weges zur Erlösung und mit der Lehre des Islams zu rechtfertigen. Ein politisches Maßnahmenpaket, das nun in Wien vorgestellt wurde, soll künftig möglichst verhindern, dass sich immer mehr Jugendliche radikalisieren.

Fast nebenbei und wenig beachtet, kündigte ÖVP-Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner dabei an, drei Millionen Euro im nächsten Universitätsbudget bereitzustellen, um "gezielt innovative Projekte zu fördern, die den interreligiösen Dialog vorantreiben". Ein Teil des Geldes könnte in den Aufbau des Islamischen Theologiestudiums an der Universität Wien fließen. Denn nach langen Jahren der Diskussion sollen in Österreich nun Bildungswege für islamische Theologen und Imame eingerichtet werden.

Doch wie diese aussehen und welche Lehrinhalte verbreitet werden sollen, darüber gibt es mächtigen Streit. Aufgeklärt-liberal oder traditionell-konservativ, nach Europa gerichtet oder abhängig von Ankara – unter den Muslimen tobt derzeit darüber ein heftiger Disput. In Österreich leben mehr als eine halbe Million Muslime, sie stellen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Die größte Gruppe unter ihnen sind Muslime mit Migrationshintergrund aus der Türkei.

Nächstes Jahr soll die Ausbildung für Imame und islamische Theologen in Österreich anlaufen, darauf können sich der Religionspädagoge Ednan Aslan und Fuat Sanaç, der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), der zwanzig bis dreißig Prozent der Muslime angehören, gerade noch verständigen. Doch dann endet die Einigkeit der beiden Herren.

Kritisch-reflexive Muslime wie Aslan bilden den liberalen Flügel, der inhaltlich von Österreichs Regierung unterstützt wird. Federführend beteiligt sich Aslan an der Universität Wien am Aufbau eines Studiengangs für islamische Theologie, welcher der Lebensrealität der Muslime im Europa des 21. Jahrhunderts entsprechen soll. Hinter Konservativen wie Sanaç steht hingegen die türkische Regierung. Der IGGiÖ-Präsident macht sich für die Lehren des klerikalen Zentrums der Sunniten an der Al-Azhar-Universität in Kairo stark, die auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblickt.

Sanaç tritt ebenso für die Inhalte der türkischen, sunnitisch-religiösen Imam-Hatip-Gymnasien für Vorbeter und Prediger ein. Sie entsprechen den Ideen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Österreichs Imame sollen künftig in dieser konservativ ausgerichteten Schule ihre Ausbildung beginnen – in Wien-Simmering wird derzeit ein entsprechendes Gebäude errichtet.

Die beiden Fraktionen liefern sich eine harte Auseinandersetzung um Grundsatzfragen: Mit welchen religiösen Inhalten sollen in Zukunft fromme Muslime versorgt werden? Wer soll die Deutungshoheit über den durch Vielfalt geprägten Islam innehaben? Sollen Inhalt und Form der Ausbildung in Wien bestimmt werden – oder doch in Ankara?

Eine gesetzliche Grundlage, wie das Konkordat oder das Protestantengesetz, das die Ausbildung von christlichen Theologen an österreichischen Universitäten regelt, fehlt für die islamische Theologie. Der Mangel soll mit der anstehenden Novellierung des noch aus der k. u. k. Monarchie stammenden Islamgesetzes behoben werden.