Der Lehrplan der Imam-Hatip-Schulen enthält neben Fächern wie Mathematik und Geschichte islamisch-theologische Unterrichtsgegenstände. Dazu gehören etwa Fiqh (Wissenschaft zur Rechtsfindung aus den islamischen Quellen), Koranrezitation oder Sira (Prophetenbiografie). Die Gefahr einer Festigung von Parallelstrukturen durch die Schule, die ausschließlich von muslimischen Schülern besucht werden soll, sieht Sanaç nicht.

Das Geld für den Bau der Schule in Wien komme von der türkischen Regierung. Von Österreich erhalte man "sowieso keinen Cent", behauptet Sanaç. Allerdings habe niemand die Behörden kontaktiert, heißt es aus dem österreichischen Unterrichtsministerium, über eine Finanzierung konnte demnach nicht einmal nachgedacht werden.

Ist Fuat Sanaç der Mann Ankaras in Österreich, der den religiösen Traditionalismus in Wien durchsetzen soll? Die Kritik ist er leid: "Ich lasse mich nicht lenken, ich lasse mir nichts diktieren – weder von der Türkei noch von Österreich, von keinem Staat", sagt der IGGiÖ-Präsident.

Ednan Aslan kann mit diesen Beteuerungen wenig anfangen. Er sieht in der Imam-Hatip-Schule den verlängerten Arm Ankaras am Werk und befürchtet, dadurch würden Parallelstrukturen verstärkt. "Die Herausforderung an der Einrichtung des Studiums ist, ob wir es aus einem europäischen Kontext heraus prägen können", sagt der 54-Jährige in seinem schlicht eingerichteten Büro im Wiener Institut für Islamische Studien. Mit europäisch sei eine geistige Positionierung gemeint, in deren Zentrum die Mündigkeit stehe, erklärt er. Sie ermögliche eine islamische Theologie, in der auch ein Bekenntnis zur Demokratie möglich sei.

Nicht nur Aslan ist von Sanaç’ Schulplänen und dessen konservativer Auslegung des Islams mäßig begeistert. Integrationsminister Sebastian Kurz hält die Pläne für "bedenklich" und schließt einen Staatsvertrag mit der Türkei zur Anerkennung der Predigerschule nach türkischem Modell aus. Alev Korun, die Integrationssprecherin der Grünen, tritt für einen transparenten, universitären Bildungsweg ein. Aber nicht nur hier, sondern auch in der Türkei sind die Schulen umstritten: Kritiker sehen durch sie eine von Ankara vorangetriebene Islamisierung des Landes. Präsident Erdoğan stellt sie hingegen als Korrektiv für eine jahrzehntelange Ausgrenzung der Religion dar.

Viele Interessen sind an die Lehrausrichtung geknüpft, jene staatlicher Seiten, der Muslime und der unterschiedlichen religiösen Flügel. Der Ausgang ist offen und hinterlässt viele Fragezeichen. Muss eine Entscheidung zwischen einer konservativen und einer liberalen Form der Imam-Ausbildung fallen? Oder ist es möglich, beide Bildungswege miteinander zu vereinbaren?

Je rascher die Ausbildung eingerichtet wird, desto besser – auch vor dem Hintergrund der auf Deutsch einfach erhältlichen radikal-islamischen Texte. Wenn durch die neuen Bildungswege die seriöse Textvielfalt erweitert wird, würden Instrumente zur Prävention von Radikalisierung geschaffen – auch wenn eine Einheitsübersetzung des Korans, wie von Sebastian Kurz gefordert, der Vielfalt des Islams nicht gerecht würde. Aber die bei salafistischen Verteilaktionen verschenkten Werke wie Der edle Qur’an – Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache erhielten dadurch endlich Gegengewichte in deutscher Sprache.