Christopher Lauer, der 2011 mit der Berliner Fraktion das erste Landesparlament für die Partei eroberte, hat den Glauben an Transparenz inzwischen verloren. In Wahrheit hätten die Piraten versucht, ihr mangelndes Vertrauen in die Politik durch brutalstmögliche Transparenz zu kompensieren. "Dass andere Parteien bestimmte Dinge hinter verschlossenen Türen besprechen, ist gut so", sagt Lauer. "Die Vorstellung, dass der Politiker von einer Heerschar von aufgeklärten Bürgern überwacht wird, stimmt nicht." Eine Aussage, die aus dem Mund eines Piraten ungefähr so klingt, als würde ein Vegetarier seine Liebe für Steaks verkünden. Die Hoffnung, man könne eine modernere, menschlichere Politik machen, hat sich vor aller Augen als Illusion erwiesen.

Der 30-jährige Lauer ist für seine Wutausbrüche, sein ADHS und seinen Kampf für die Onlineplattform Liquid Feedback bekannt: Er wollte es zu einem bundesweiten, permanenten Abstimmungstool der Partei machen, scheiterte aber. Er gehört zu jener Generation, die durch die geplanten Netzsperren von "Zensursula" politisiert wurde. Diese Netzgeneration hat sich dann auch über die Gema, Acta und die NSA empört, doch auf die Empörung folgte nicht viel. Die Piraten konnten noch so oft vor Überwachung warnen – die allermeisten posteten, twitterten und chatteten weiter, als hätte es Edward Snowden nie gegeben. Auch das Thema illegale Downloads, das Lauer und viele andere einst so beschäftigte, hat sich inzwischen erledigt: durch Streaming-Dienste wie Spotify oder Netflix, ganz ohne Zutun der Piraten.

Die Partei hat es nie vermocht, aus den komplizierten Akronymen der Netzwelt einen klaren, emotionalen Slogan à la "Atomkraft? Nein, danke!" zu machen. Sie hat zu ihrem Kernthema keine eigene Haltung gefunden, geschweige denn verkörpert: Wenn der Überwachungsstaat so mächtig ist, sollen wir unsere Daten alle anonymisieren? Oder akzeptieren, was unausweichlich ist, und unsere Schlafgewohnheiten, Kontostände und Depressionen öffentlich machen? Die Piraten haben dazu viele verschiedene Antworten, eine gemeinsame Lösung aber nicht.

Sicherlich, viele von ihnen verstehen von technischen Dingen mehr als die meisten anderen Politiker. Aber ganz ehrlich: Waren all die Proteste gegen Netzsperren und für Netzneutralität wirklich politisch – oder ging es vor allem darum, ein freies Internet für den eigenen Gebrauch zu sichern?

Wenn man Christopher Lauer heute fragt, warum er einst bei den Piraten eingetreten ist, erzählt er von seinem Studienaufenthalt in China. Er glaubte, verhindern zu müssen, dass auch in Deutschland ein undemokratischer Überwachungsstaat entsteht. "Ich bin da mit einem großen Maß an Idealismus rein und habe mich aus einer Ohnmacht befreit", sagt Lauer. "Es war schön."

Am vergangenen Donnerstag hat er seine Partei im Streit mit dem Bundesvorstand verlassen, das Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus behält er. Sein Abgang hat zu einer Austrittswelle in Berlin und Bremen geführt, es gibt Diskussionen über die Gründung einer neuen Partei. Er weiß, sie müsste ganz anders sein als die Piraten, um den Hauch einer Chance zu haben: professioneller und hierarchischer. Eben so wie die anderen Parteien.

Was bleibt von den Piraten? Einige Politiker, die auch ohne Parteizugehörigkeit weiter mitmischen werden. Ein paar neue Themen, die nun auch die anderen Parteien ernst nehmen. Und ein paar Erinnerungen an große Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. Die Entzauberung der Piraten ist auch eine Entzauberung der Idee, das Internet könne die Politik revolutionieren. Das ist, leider, das größte Erbe der Piraten.