Puh, das war ja doch nicht so knapp. Die Schotten bleiben Briten. Mehr als 55 Prozent von ihnen stimmten letzte Woche dafür, und weniger als erwartet wollten die Unabhängigkeit. In London gilt David Cameron dennoch als angeschlagener Premierminister. Einer, der die großen Debatten in seinem Land nicht führt, sondern ihnen hinterherläuft.

Es stimmt, Cameron hat die Schotten falsch eingeschätzt. Erst zwei Wochen vor dem Wahltermin mischte er sich ein. Da lagen die Sezessionisten in Umfragen schon vorne. Die Opposition tauchte erst recht ab – und das, obwohl Ed Milibands Labour-Partei in Schottland eine politische Heimat hat.

Längst werden Legenden gesponnen. Zum Beispiel jene, wonach Cameron mit seiner mangelnden Führungskraft für die britische Wirtschaft zu "einer Belastung" geworden ist, zu "einem Quell steter Unsicherheit für die Unternehmen", wie die Süddeutsche Zeitung jüngst schrieb. Manager, die wissen wollten, unter welchen Bedingungen sie in fünf Jahren Geschäfte machen könnten, fehle genau diese Beständigkeit. Denn bereits in drei Jahren könne das nächste Referendum über Großbritanniens EU-Mitgliedschaft anstehen.

Natürlich wünschen Mittelständler und Vorstandschefs sich ein positives und stabiles Investitionsklima. Doch sowohl die schottische Unabhängigkeitsdebatte als auch die andauernde Diskussion über Großbritanniens Zukunft innerhalb oder außerhalb der EU hat gezeigt, dass in einer Demokratie von Zeit zu Zeit grundsätzliche Fragen hochkochen. Wann und wie, kann von der Politik nur schwer gesteuert werden.

In den Streitereien um Schottland und Europa geht es um das Selbstverständnis der Nation. Wirtschaftliche Vernunft ist zweitrangig.

Das gilt selbst für jene, denen sie am wichtigsten ist: Zur Liga der Unabhängigkeitsfreunde zählte sich eine erhebliche Anzahl schottischer Unternehmer. Sie finanzierten die Kampagne der Scottish National Party (SNP) und riefen in ganzseitigen Zeitungsanzeigen zum Alleingang auf. Für SNP-Chef Alex Salmond waren Wirtschaftsvertreter ebenso bereitwillig im Einsatz wie für die Gegenseite. Gleiches gilt auch für die britische Unabhängigkeitspartei UKIP.

Veränderung erscheint manchmal erstrebenswerter als die Sicherung des Status quo. Egal, zu welchem Preis. Alex Salmond versprach den Wählern eine Währungsunion mit Restbritannien. Die Regierung in London hat das von Anfang an ausgeschlossen. Dennoch stimmten über 1,6 Millionen Schotten für die Unabhängigkeit. UKIP-Chef Nigel Farage besteht darauf, dass Großbritannien auch nach dem Austritt unbeschränkten Zugang zum Binnenmarkt haben wird. "Nein", sagt Brüssel. "Das ist alles andere als sicher." Trotzdem hat die UKIP genügend Unterstützung, um die Diskussion zu dominieren.

An der Basis der britischen Demokratie herrscht Hysterie. Und David Cameron ist ihr nicht gewachsen. Doch eines kann er für sich in Anspruch nehmen: Nach der schlimmsten Rezession seit fast einem Jahrhundert hat seine Regierung die Rahmenbedingungen für eine expandierende Wirtschaft wieder hergestellt. Die horrende Staatsverschuldung nimmt ab, ebenso wie die Arbeitslosigkeit. Die Wachstumsrate für dieses Jahr hingegen wird sicher über drei Prozent liegen. Die Euro-Zone darf gerade mal mit 1,2 Prozent rechnen. Auch die Zahlen der UN über den globalen Strom von Auslandsinvestitionen lassen nicht auf große Verunsicherung schließen. 2013 war Großbritannien nach den USA das bevorzugte Land für ausländisches Kapital. 1,6 Milliarden Dollar wurden hier investiert. Über die Hälfte davon kam aus Europa.

Von Großbritannien können wir eines lernen: Die Wirtschaft wird mit Volksentscheiden ganz gut fertig. Und wenn man an den Ausgang der Europawahl denkt, dann ist eine Grundsatzdebatte in Brüssel wohl längst überfällig.