Hier liegt sie, die Fifth Avenue der Berner Alpen: Louis Vuitton, Hermès, Hublot, Cartier. An der Promenade in Gstaad, im Schatten von Gummfluh, Furge- und Giferspitz, reiht sich ein Luxusladen an den anderen. Das Angebot trifft den Geschmack der zahlungskräftigen Kundschaft. Gstaad ist einer der beliebtesten Ferienorte des internationalen Jetsets. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, James-Bond-Darsteller Roger Moore oder Filmregisseur Roman Polanski: Die Größen des Showgeschäfts kommen seit Jahrzehnten hierher.

Einige der Superreichen machen hier nur Ferien, andere haben sich ganz im Dorf niedergelassen, das zur 7.500-Seelen-Gemeinde Saanen gehört. Und rund 200 von ihnen genießen das finanzoptimierende Vehikel der Pauschalbesteuerung. Will heißen, sie werden nach dem Aufwand besteuert, den sie für ihre Lebenshaltungskosten haben und nicht nach Einkommen und Vermögen, wie die im Rest des Landes.

Doch damit könnte bald Schluss sein. Am 30. November entscheidet die Schweizer Stimmbevölkerung, ob diese Spezialsteuer abgeschafft werden soll. Dannzumal befindet sie über eine entsprechende Volksinitiative der Alternativen.

Dass reiche Ausländer steuerlich bessergestellt werden als normale Schweizer, ist aber nicht nur Parteigänger links außen ein Dorn im Auge. Für viele Schweizer ist diese Sonderbehandlung stoßend. Extrawürste für Ausländer, was soll das?

Und immer mal wieder hält sich einer der neuen Superreichen nicht an die Spielregeln. Wie zum Beispiel der russische Oligarch Viktor Vekselberg, der trotz Pauschalbesteuerung seine Geschäfte in der Schweiz machte.

Neu ist die Pauschalsteuer aber nicht. Im Kanton Waadt wurde sie bereits 1862 eingeführt mit der Absicht, den Tourismus zu fördern. Auf Bundesebene war die Aufwandbesteuerung ab 1934 möglich. Und 1948 entstand ein Konkordat der Kantone, sodass Ausländer in der ganzen Schweiz pauschal besteuert werden konnten.

Heute setzen vor allem Berggebiete und Westschweizer Kantone auf dieses spezielle Steuermodell. Kein Wunder also, fürchtet man sich dort besonders vor der Abstimmung von Ende November.

"Für Gstaad wäre die Abschaffung eine Katastrophe, im Wallis gäbe es ein Blutbad", sagt ein Anwalt aus Bern. Der Mann gehört zu den führenden Relocation-Managern der Schweiz. Er verdient sein Geld damit, dass er reiche Ausländer berät, die über einen Umzug in die Schweiz nachdenken. Zu seinem Service gehört, dass er mit den Kantonsbehörden den Steuerbetrag seiner Klienten aushandelt, den sie in der Schweiz zu zahlen haben.

Das Geld allein sei aber nicht der einzige Grund, sagt der Herr, der auf Diskretion bedacht ist und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, weshalb Jahr für Jahr 200 bis 300 reiche Ausländer in die Schweiz zögen, um sich hier pauschal besteuern zu lassen.

Er sitzt in einem unterkühlten Sitzungszimmer, nimmt einen Schluck Kaffee und erzählt: Da sind zum Beispiel die KMU-Besitzer aus Baden-Württemberg. Diese haben die Schnauze voll "vom deutschen Obrigkeitsstaat", der sie mit seinen giftigen Steuerbeamten ständig piesackt, sodass sie das Gefühl haben, jederzeit ins Gefängnis wandern zu können. Selbst wenn sie versuchen, alle Steuern zu bezahlen.

Und so sei für diese Leute das wirklich Bestechende an der Pauschalsteuer "die Einfachheit der Abkommen" und nicht etwa der Umstand, dass man damit Steuern sparen könne. "Die kommen hierher und sagen mir: ›Ich kann nicht mehr‹", sagt der Anwalt. Darauf handelt er mit den Kantonsbehörden ein sogenanntes Steuerruling aus. Von da an ist klar, wie viel der Besteuerte zahlen muss, und die Gefahr, ein Delikt zu begehen, besteht nicht mehr. "Das ist heaven on earth für diese Leute. Manche zahlen deswegen mehr, als wenn sie sich ordentlich besteuern lassen würden."

Den Himmel auf Erden, den suchen auch griechische Reeder, die in Hellas zwar keine Steuern zahlen und mit der Pauschalbesteuerung deswegen sogar schlechter gestellt sind als zu Hause. Bei dieser Kundschaft zähle aber etwas ganz anderes, sagt der Anwalt. Sie komme, weil Griechenland die Hölle sei für Superreiche. Ein Heer aus Bodyguards müsse man um sich scharen, um überhaupt sicher zu sein.

So verschieden seine Kunden seien, so sehr verbinde sie doch etwas: Ohne Frau geht nichts. "Sie entscheidet. Immer", sagt der Anwalt. Und lacht.