Mehr Konservative als im Haus des Handwerks gibt es nur in der katholischen Kirche. Sigmar Gabriel guckt kurz ins Publikum und fängt an zu reden. 20 Minuten später johlen die Leute.

Zum Bundesverband der Deutschen Industrie kommen Manager, die mit der CDU sympathisieren oder FDP wählen. Gabriel wird mit dezentem Applaus begrüßt – und mit donnerndem verabschiedet.

In Frankreich sind deutsche Politiker derzeit so beliebt wie deutsches Essen. Gabriel spricht vor Unternehmern in der Wasserstadt Evian. Danach seufzten die Franzosen, so einen Minister hätten sie auch gern.

Alle lieben Gabriel. Nur: Es nutzt nichts.

Auf der Rangliste der beliebtesten deutschen Politiker liegt der SPD-Chef inzwischen schon auf Platz vier. So angesehen war Gabriel noch nie. Aber gleichzeitig plagt seine Partei der Blues der Vergeblichkeit: Ihre Wahlversprechen haben die Sozialdemokraten umgesetzt. Doch die SPD bleibt in Umfragen im 25-Prozent-Ghetto gefangen. Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen kam man auf jämmerliche zwölf Prozent. Und von der Möglichkeit, 2017 den Kanzler zu stellen – zum Beispiel in einer rot-rot-grünen Regierung –, scheint die SPD weiter entfernt denn je.

Gabriel will beweisen, dass die SPD mit Geld umgehen kann

Dabei hängen Gabriels Imagehoch und die tiefe Depression seiner Partei unmittelbar miteinander zusammen. Denn er mutet der SPD einen radikalen Kurswechsel zu, der in der Wirtschaft auf Wohlwollen, in der Partei aber auf Widerstand stößt. Gabriel führt seine Partei näher ran an kleine und mittlere Unternehmen, an Sorgen, Nöte und Wünsche, die bisher vor allem Liberale zu hören bekamen. Man soll der SPD nicht weiter vorwerfen können, nur den Wohlstand anderer verteilen zu wollen – man soll ihr zutrauen, ihn zu erwirtschaften. Nur so, davon ist Gabriel überzeugt, könne die SPD wieder für jene breite Masse attraktiv werden, die vom Segen des Mindestlohnes nicht profitiert: die Mittelschicht.

Allerdings müssen die Genossen damit nun Positionen vertreten, die sie im Wahlkampf noch bekämpft haben und die die sozialdemokratische Seele aufheulen lassen. Über Monate hatte die SPD getrommelt, nur durch höhere Steuern könnten Straßen saniert, Schulen renoviert, Kinder besser gefördert, Alte intensiver gepflegt werden. Doch kaum im Amt, warb der Wirtschaftsminister dafür, die Steuern zu senken. Genauer: jene kalte Progression abzubauen, von der die Sozialdemokraten zweieinhalb Jahre lang behauptet hatten, es gäbe sie gar nicht. Und vollends den Anschluss an ihren Vorsitzenden verloren zahlreiche Genossen, als Gabriel verkündete, wie er die Renovierung von Brücken und Straßen zu finanzieren gedenke: mit dem Geld privater Investoren. Eine Idee direkt aus dem Nachlass der FDP.

Spötter in der Partei meinen, Gabriel verwechsle möglicherweise den Mittelstand mit der Mittelschicht. Und er glaube, nur weil die einen ihm auf ihren Empfängen applaudierten, die anderen bereits gewonnen zu haben.

Dabei schlägt Gabriel einen Kurs ein, den er gehen muss. Denn als kompetent in Wirtschaftsfragen haben die Deutschen stets nur jene Sozialdemokraten beurteilt, die mit dem Traditionsbestand brachen – von Karl Schiller über Helmut Schmidt bis Wolfgang Clement. Wirtschaftskompetenz, das hat auch Gabriel lernen müssen, heißt hierzulande vor allem: keine neuen Schulden machen. Und deswegen ist es auch mehr als nur ein Kurswechsel, den die SPD da vollziehen soll. Es ist der Versuch, die Genossen von einem Generalverdacht zu befreien: dass sie nicht mit Geld umgehen können, dass sie den Staat gern mal über seine Verhältnisse leben lassen.