Eine Hedgefonds-Heuschrecke hatte sich Manfred Sitz irgendwie großkotziger vorgestellt. Der Multimilliardär, der ihm an diesem Sommerabend im New Yorker Nobelrestaurant Jojo gegenübersitzt, tritt zurückhaltend auf, hört ruhig zu, stellt höfliche Fragen. Dabei hätte John Paulson, der Wall-Street-Star, an diesem Tag allen Grund gehabt, vor Freude auszuflippen. Wenige Stunden zuvor verdiente sein Hedgefonds mit einem einzigen Deal 939 Millionen Dollar.

"Fast eine Milliarde an einem einzigen Tag", sagt Manfred Sitz und klingt auch zwei Monate später noch erstaunt. "Das sind ganz andere Dimensionen als bei uns." Die Traditionsfirma, dessen Europa-Geschäft der Hamburger leitet, macht in guten Zeiten einige Millionen Euro Gewinn – im Jahr. Und doch hat es dieses kleine Unternehmen geschafft, die Aufmerksamkeit des Milliardenjongleurs Paulson zu wecken. Die Rede ist von Steinway & Sons, dem Hersteller der berühmtesten – und viele sagen: besten – Flügel der Welt. Artur Rubinstein, Vladimir Horowitz, Sergej Rachmaninow: Sie alle haben auf einem Steinway gespielt. Später komponierte John Lennon Imagine auf einem in Hamburg hergestellten Flügel. Heute schwören Weltstars wie Lang Lang, Daniel Barenboim und Keith Jarrett auf die bis zu 140.000 Euro teuren Einzelstücke.

Der Traum vieler Pianisten nimmt seinen Anfang in einem Gewerbegebiet in Bahrenfeld. Zwischen Autohaus und Recyclinghof steht die alte Backsteinfabrik, in der Flügel und Klaviere so gebaut werden, dass sie vom Käufer noch an die Kinder und Enkel weitergegeben werden können. Hier wird in Generationen gedacht, nicht in Quartalsberichten. Aus 12.000 Einzelteilen erschaffen Tischler, Lackierer und Klavierbauer einen einzigen Flügel. Die meisten der rund 400 Mitarbeiter am Standort bleiben ihr ganzes Berufsleben bei Steinway.

"Für mich sind das lebendige Wesen", sagt Starpianist Igor Levit

Manfred Sitz, der Chef, ist seit 1981 dabei. Ein bisschen klingt er selbst verblüfft, dass er seinen Job behalten durfte und nicht gegen einen jungen Banker ausgetauscht wurde, als vor einem Jahr jener John Paulson bei der Traditionsmanufaktur einstieg.

512 Millionen Dollar zahlte er im September 2013 für Steinway. Für einen wie ihn eine kleine Summe. An der Harvard Business School war er Klassenbester. Dann begann er, sein Konto zu füllen. Die ersten Milliarden machte er während der US-Immobilienkrise. So früh wie kaum ein anderer hatte Paulson erkannt, welche Blase sich am Häusermarkt entwickelte. Sein Hedgefonds wettete auf den GAU und gewann 15 Milliarden Dollar; der Chef strich 3,7 Milliarden davon persönlich ein. Gegen Paulson wetteten damals auch die Deutsche Bank und die Mittelstandsbank IKB, die beide viel Geld verloren.

Und so einer kauft Steinway?

Die Nachricht von der Übernahme versetzte Fans in helle Aufregung. "Der Wolf der Wall Street hat zugeschlagen", schrieb ein User im Internetforum Piano World. Steinway stehe vor dem Abgrund. Yvonne Trübger, Inhaberin des gleichnamigen Klavierhandels im Schanzenviertel, erinnert sich noch gut an jene turbulenten Tage. "Ausgerechnet ein New Yorker Hedgefonds, da befürchteten viele von uns eine Zerschlagung des Unternehmens", erzählt die gelernte Klavierbauerin. "Um so eine Manufaktur zu führen, braucht es Herzblut. Das kann kein Branchenfremder." Zu viele Traditionsmarken seien nach der Übernahme durch einen Konzern ruiniert worden. Eine Klavierfabrik auf Profitmaximierung zu trimmen bedeute, die Qualität zu gefährden – das fängt schon mit dem Holz an.

Fichte für den Resonanzboden, Ahorn für die Mechanik, Whitewood für den Deckel – bei Steinway trocknen die wertvollen Hölzer zwei Jahre lang in einem Lager. Nur 30 Prozent schaffen es durch die Qualitätskontrolle. Der Rest wird statt zu einem Flügel zu Feuerholz. "Baut das bestmögliche Klavier", wies Heinrich Engelhard Steinweg seine Arbeiter an. Der deutsche Auswanderer hatte Steinway 1853 in New York gegründet. 1880 kam dann eine Fabrik in Hamburg hinzu, zunächst in der Schanzenstraße, später in Bahrenfeld. An der Bauweise hat sich seitdem nicht viel geändert. 80 Prozent sind Handarbeit. Bis das Instrument bei Wiebke Wunstorf ankommt, vergeht ein Jahr.

Die Chef-Intoneurin ist die oberste Hüterin über den Klang. Seit dreißig Jahren horcht sie in Instrumente hinein. Sie bestimmt, ob ein Flügel gut genug ist für die Konzerthalle oder noch einmal zurückmuss in die Fertigung.

In ihrem schallisolierten Arbeitsraum spielt die Klavierbauerin einen Flügel an, schreibt einen gelben Post-it-Zettel: "Taste klickt", und klebt ihn auf das Klavier. "Jeder Steinway klingt anders", sagt sie, "jeder Flügel hat seinen eigenen Charakter." Das sei es, was den Unterschied ausmache zu industriell gefertigten Instrumenten, die alle gleich klängen. Erst wenn Wunstorf grünes Licht gibt, kann der Flügel verkauft werden. Nicht wenige Kunden kommen persönlich nach Bahrenfeld, um sich aus einer Auswahl ihr Instrument selbst auszusuchen.