Der Fall der Berliner Mauer – vor 25 Jahren – sollte uns zugleich an deren Bau im Jahre 1961 erinnern. Damals existierte das Nordatlantische Bündnis bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Weil aber die von Walter Ulbricht und Erich Honecker mit Zustimmung Moskaus errichtete Mauer die Sicherheit des Westens nicht zusätzlich zu gefährden schien, hat die Nato damals nicht ernsthaft reagiert. Schon fünf Jahre früher, als 1956 die Sowjetunion in Ungarn einmarschierte, hatte die Nato ebenfalls nicht reagiert, denn jene völkerrechtswidrige sowjetische Intervention schien die Sicherheit des Westens nicht zu gefährden.

Völlig anders war es dagegen, als 1962 der damalige sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow atomare Raketen vor der Haustür der USA auf Kuba installiert hatte. Weil jene Raketen die Sicherheit der USA strategisch zusätzlich und entscheidend gefährdeten, geriet die ganze Welt an den Rand eines dritten Weltkrieges.

Es war das gemeinsame Verdienst von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, dass dieser dritte Weltkrieg abgewendet werden konnte. Beide haben damals im Bewusstsein ihrer Verantwortung nachgegeben. Der eine nahm seine Raketen aus Kuba zurück, der andere seine Raketen aus der Türkei. Das Prestige der beiden militärischen Weltmächte blieb unverletzt.

Zur Zeit der Kuba-Krise hatte es vier atomar bewaffnete Staaten gegeben. Die USA und die damalige Sowjetunion hatten ihre atomaren Waffen auch bereits mit Raketen kombiniert; allerdings hatten die damaligen Atomraketen noch keine transatlantischen Reichweiten. Heutzutage, ein halbes Jahrhundert später, hat sich die Zahl der Atommächte verdoppelt. Alle haben sich sogar weitgehend eine Zweitschlagsfähigkeit zugelegt oder sind im Begriff, dies zu tun. Inzwischen stehen zusätzlich mindestens zwei weitere Staaten im Verdacht, sich mit atomaren Raketen zu bewaffnen. Gleichwohl hat seit der Kuba-Krise keiner der vielen Kriege – von Vietnam und Kambodscha über Afghanistan bis zum Irak und zu Syrien oder den mehreren Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn – die nuklear-strategische Qualität der Kuba-Krise erreicht. Wohl aber hat die gegenseitige Auslöschungsfähigkeit die Epoche des Kalten Krieges herbeigeführt. Sie scheint sich im Jahre 2014 fortzusetzen.

Der Kalte Krieg war keineswegs eine lange Epoche des Nichtkriegs, vielmehr haben viele Kriege seit der Kuba-Krise Millionen ziviler und militärischer Kriegstoter gekostet. Und auch heute noch kosten Kriege ungezählte Opfer, ob in Gaza oder Israel, ob in Syrien oder dem Irak, ob im Osten der Ukraine oder immer noch auch in Afghanistan. Und zum ersten Mal seit dem scheinbaren Ende des Kalten Krieges taucht an Europas Horizont die Möglichkeit eines Krieges auf. Jedenfalls sind die gegenwärtigen Handlungen sowohl Wladimir Putins als auch der Europäischen Union und der Nato geeignet, die Sicherheit beider Seiten erheblich zu gefährden.

Noch vor Jahresfrist schien die Situation normal. Aber im November 2013 erklärte Viktor Janukowitsch, damals Präsident der Ukraine, der EU, er wolle das fertig ausgehandelte Wirtschaftsabkommen mit der Europäischen Union nicht mehr – und akzeptierte zugleich ein finanzielles Gegenangebot der Russen. Dieser abrupte Meinungswechsel führte in großen Teilen der Ukraine zu regierungsfeindlichen Demonstrationen. Sie kulminierten auf dem Maidan in Kiew, es gab an die einhundert Tote. Am 22. Februar 2014 floh Janukowitsch nach Russland, seine Regierung wurde durch die prowestliche und antirussische Regierung unter Ministerpräsident Arseni Jazenjuk ersetzt. Und im Mai 2014 wurde der erfolgreiche Unternehmer Petro Poroschenko zum Präsidenten gewählt – seither ist er der international anerkannte Sprecher der Ukraine. Doch schon Monate vorher hatte Putin die Halbinsel Krim annektiert und sie Russland angegliedert.

Seit dem Februar 2014 folgte sowohl in Russland als auch im Westen eine Kette von sich gegenseitig steigernden Handlungen und Reden und Gesten. Von Woche zu Woche wechseln alarmierende und auch versöhnliche Nachrichten einander ab. Ich gestehe meine wachsende Besorgnis.

Denn die Ukraine-Krise steht nicht allein. Sondern zugleich und bereits seit Jahren haben wir es zu tun mit einer Krise der Europäischen Union, die sich nicht nur militärisch, sondern auch außenpolitisch und ökonomisch als handlungsunfähig erweist. Die hochoptimistische und tatsächlich leichtfertige Verdoppelung der Zahl ihrer Mitglieder hat die Europäische Union zu einem zahnlosen Tiger werden lassen. Und in Euroland erleben wir die konjunkturelle Unwirksamkeit der Geldpolitik von EZB-Chef Mario Draghi, weil diese nicht von entscheidenden wirtschaftspolitischen Schritten begleitet wird. Heute ein alter Mann, habe ich als Schüler nach 1929 die große weltweite Depression miterlebt – ich weiß, wie millionenfache Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland, in Italien oder Spanien wirken muss. Dabei geht es zwar uns Deutschen heute besser als jemals in früheren Jahrhunderten – aber wir weigern uns immer noch, unseren Nachbarn und Partnern in der EU mit einem großen Investitionsprogramm zu helfen. Die Führung des Westens fällt dem amerikanischen Präsidenten zu – der sie eigentlich nicht will.