Man kann in Brasilien kaum etwas ohne Komplikationen kaufen. Egal, ob beim Regenschirm für umgerechnet fünf Euro oder bei Kopfhörern für 500: Wer im Laden alles in einem Rutsch bezahlen will, wird ungläubig angesehen. Der Brasilianer "parzelliert" seine Einkäufe: Man nimmt die Ware mit, und der Ladenbesitzer teilt den Betrag durch sechs oder zwölf und bucht jeden Monat eine neue Rate ab. In der Regel nimmt er keine Zinsen.

Etwa 35 Millionen Brasilianer sind in den vergangenen zehn Jahren aus der Armut in einen (sehr) bescheidenen Wohlstand gewechselt, etwa 30 Millionen haben gleich auch noch einen Kredit aufgenommen, in Form einer "Parzellierung" oder in Form von Kreditkarten, Bankkrediten oder ungedeckten "Spezialschecks". Allein das Kreditvolumen stieg von 2007 bis 2012 um 27,6 Prozent pro Jahr. Alle Kredite zusammen machen heute mehr als die Hälfte des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts aus. Die Hemmschwellen sind gering: Hat die Mittelschicht die Sache mit der Verschuldung nicht jahrelang vorgelebt? Spricht nicht die Inflation im Land (mit einer Jahresrate von gut sechs Prozent) dafür, zu parzellieren, weil dann die Raten real gerechnet Monat für Monat billiger werden? Um den Kaufpreis muss sich keiner kümmern, lautet die Faustregel der Mittelschicht, solange er sich die monatlichen Teilzahlungen leisten kann.

Laut einer kürzlich erschienenen psychologischen Studie sehen gerade ärmere Brasilianer heutzutage "Kredite als eine Gehaltserhöhung an, auf die sie ein Recht haben". Und viele dieser Brasilianer verstehen kaum den Unterschied zwischen dem Parzellieren mit Zinsen von null und den anderen Kreditformen, auf die in Brasilien teilweise schwindelerregend hohe Zinssätze zu bezahlen sind. Damit wächst die Sorge, dass in Brasilien wegen der vielen, bunten, kaum überschaubaren Kredite an arme Leute demnächst eine gewaltige Kreditblase platzen könnte.