I.

2014 wird vermutlich als ein Jahr der weltpolitischen Zäsuren, vielleicht als ein Epochenjahr in die Geschichte eingehen. Die Krise um die Ukraine zwingt den Westen, Abschied zu nehmen von der großen Hoffnung des Jahres 1989, die Ideen der Menschenrechte, des Rechtsstaats und der Demokratie würden sich bald wenn nicht weltweit, so doch über das ganze Gebiet der damals noch existierenden Sowjetunion verbreiten.

Die aggressive Haltung Russlands gegenüber der Ukraine ist aber nur eine der Herausforderungen, vor der der Westen im Jahr 2014 steht. Der islamistische Terror, wie ihn in besonders extremer Form der "Islamische Staat" (IS) oder Boko Haram in Nigeria ausüben, ist eine noch viel radikalere Kampfansage an die westlichen Werte. Zwischen dem Putinismus und dem Islamismus gibt es außer ihrer Frontstellung gegen den Westen und dessen Werte keine Gemeinsamkeiten. Sicher ist aber auch, dass ihre gegenwärtigen Offensiven eine gemeinsame Ursache haben: die freiwillige Abdankung der USA als "Weltpolizist", eine Rolle, in die sie, ursprünglich widerstrebend, nach dem Zweiten Weltkrieg hineingewachsen sind.

Dieser Rückzug ist Ausdruck eines sehr viel allgemeineren Phänomens: Erstens haben sich alle westlichen Nationen in unterschiedlichem Maß zu "postheroischen" Gesellschaften (Herfried Münkler) entwickelt. Zweitens hat der Triumph des Westens ein geistiges Vakuum entstehen lassen, wie Mark Lilla unlängst in dieser Serie (ZEIT Nr. 37/14) bemerkte. Seit den westlichen Demokratien die Herausforderung in Gestalt des Kommunismus abhandengekommen ist, fehlt ihnen ein Ansporn, über die eigenen normativen Grundlagen, besonders über die Gefahren wachsender sozialer Ungleichheit, nachzudenken.

Der transatlantische Westen war nie eine Einheit, aber zu keiner Zeit war er sich so einig wie in den viereinhalb Jahrzehnten des Ost-West-Konflikts bis 1991. Der alte europäische und der neue nordamerikanische Westen waren nicht nur wirtschaftlich und, durch die Nato, militärisch miteinander verbunden. Sie teilten auch gemeinsame Grundüberzeugungen in Sachen Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft. Die "westliche Wertegemeinschaft" war mehr als eine Beschwörungsformel.

Bis dahin war es ein langer Weg. Deutschland etwa war zwar kulturell, zunächst aber nicht politisch ein Land des Westens. Es hatte teilgehabt an den für das "lateinische Europa" grundlegenden Gewaltenteilungen des Mittelalters, der ansatzweisen Trennung erst von geistlicher und weltlicher, dann von fürstlicher und ständischer Gewalt. Es hat die Reformation hervorgebracht, ohne die es den modernen Westen nicht gäbe. Es hatte einen markanten Anteil an der europäischen Aufklärung. Doch den politischen Konsequenzen der Aufklärung in Gestalt der Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie haben sich Deutschlands politische Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verweigert. Der Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen den Westen war die Herrschaft des Nationalsozialismus. Erst nach der totalen Niederlage von 1945 konnte die westliche Demokratie im westlichen Teil Deutschlands Wurzeln schlagen.

Das normative Projekt des Westens, die Quintessenz der Ideen der amerikanischen und französischen Revolution von 1776 und 1789, brauchte zwei Jahrhunderte, um sich innerhalb des Okzidents durchzusetzen. Die Geschichte des Westens seit Ende des 18. Jahrhunderts war zu einem guten Teil ein Kampf um die Aneignung oder Verwerfung dieses Projekts. Die letzte Etappe dieses Ringens waren die friedlichen Revolutionen von 1989.

Zu keiner Zeit beschrieb das normative Projekt des Westens seine Wirklichkeit. Unter den Verfassern der ersten Menschenrechtserklärung, der Virginia Declaration of Rights und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, waren Sklavenbesitzer. Zu den Hervorbringungen des Westens gehören die kapitalistische Ausbeutung, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus. Die Geschichte des Westens lässt sich zu einem erheblichen Teil mithin auch als Geschichte der Abweichungen von den hehren Versprechungen des späten 18. Jahrhunderts lesen. Auf diese Versprechungen konnten sich aber auch alle jene berufen, denen die Menschen- und Bürgerrechte ganz oder teilweise vorenthalten wurden: die Ureinwohner der USA, die Sklaven, die Arbeiter, die Frauen, Menschen, die durch ihre sexuelle Orientierung von der jeweiligen "Norm" abwichen. Das Projekt war klüger als seine Schöpfer. Seine Geschichte ist auch eine der permanenten Selbstkorrektur oder produktiver Selbstkritik, und als solche ist sie bis heute nicht abgeschlossen.