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"Fabulous St. Pauli", eine Art technisch-kreatives Bürgerzentrum mit sozialem und ökologischem Anspruch, hatte geladen, und 140 Interessenten hatten sich gemeldet, ein Vielfaches der freien Plätze. Die Heroen der Bewegung hängen an der Wand: Joseph Beuys ("In jedem Menschen ist ein kreativer Kern"), Ernst Friedrich Schumacher ("Small is beautiful") und natürlich der Gründer der FabLab-Bewegung, Neil Gershenfeld von der Eliteuniversität MIT in Boston. Der Rahmen ist bescheidener, ein alter Container im Hamburger Stadtteil St. Pauli, immerhin mit Elbblick. Das Projekt aber erscheint durchaus ambitioniert: Wir bauen uns in drei Stunden ein Handy.

Ein Mobiltelefon? Selbermachen wie eine Laubsägearbeit oder Makramee? Die Hochtechnologie ist im Lauf der vergangenen zehn, zwölf Jahre zum Gegenstand einer neuen Selbstmachbewegung geworden. Im Jahr 2002 wurde am Bostoner MIT ein sogenanntes FabLab (das Wort ist aus fabrication und laboratory zusammengesetzt) gegründet. Als offene Werkstatt für gemeinschaftliches Frickeln an verzwickten und gemeinhin furchteinflößenden Hightechgeräten: Rechnergesteuertes Fräsen, Lasern und 3-D-Drucken standen im Mittelpunkt. Und eine politische Idee steckte dahinter. Wer die Produktionstechnologien kennt und beherrscht, kann sich befreien aus den Klauen eines abhängig machenden, die Umwelt vergiftenden und die Menschen ausbeutenden Systems. Ein ansteckend-reizvoller Gedanke. FabLabs gibt es heute überall auf der Welt, konsequenterweise auch in Entwicklungsländern.

In St. Pauli dürfen sich jeweils drei Selbermacher pro Nachmittag in den Container setzen, in dem auch 3-D-Drucker stehen, und die teilweise winzigen elektronischen Bauteile, Kondensatoren, Computer-Chips, LED-Lämpchen auf eine fertig vorbereitete Platine löten. Die Bauanleitung nebst Materialliste ist online frei verfügbar. Nun darf jeder, der programmieren kann, die Eigenschaften und Fähigkeiten seines Handys verändern, zum Beispiel Sicherungen gegen unbefugtes Eindringen und Hacken einbauen. Der Unbedarfte macht stattdessen, was ihm die Leute von Fabulous St. Pauli sagen, und mit etwas Glück kann er abends schon telefonieren.

Nur das Vibrations-Bauteil hängt noch beim Zoll fest, aber das nehmen die Kursteilnehmer nicht krumm. Denn es geht ja um mehr. Das Handybauprojekt ist wie die FabLab-Bewegung selber konsumkritisch, nachdenklich und politisch. Der Stolz darüber, einen für unglaublich kompliziert gehaltenen Apparat selbst gebaut zu haben, ist wichtig. Aber auch die Frage, wo denn das Metall Coltan herkommt, das bei der Herstellung der Kondensatoren eingesetzt wurde: aus dem Kongo, wo mit seinem Verkauf ein blutiger Bürgerkrieg finanziert wird? Oder aus Australien oder Brasilien (ZEIT Nr. 43/13)?

Früher, als die Zeiten schlechter waren, hat jedermann noch selbst Marmelade eingekocht, Schuhe besohlt oder Tretlager beim Fahrrad ausgetauscht. Wer das tat, trug keinen Ehrentitel. Das war damals normal. 1957 bekamen die Väter des Wiederaufbaus ihr erstes Periodikum: Das Magazin Selbst ist der Mann war noch ganz der Dekoration Nachkriegsdeutschlands verpflichtet. Wirtschaftswachstum und Wirtschaftswunder führten in eine andere Richtung. Arbeitsteilung kam in Mode, Reparatur- und Verschönerungstätigkeiten wurden delegiert. Wer es "geschafft" hatte, konnte es sich leisten, Handwerker zu beauftragen. Und die Wegwerfgesellschaft wertete die Reparatur ab. Neukauf wurde schick und bald auch billiger. Doch eines Tages, es war in den Siebzigern, merkten die Menschen, dass etwas verloren ging: Rezepte, Liedtexte, Kompetenzen. Wo der Zylinderkopf saß, war vergessen – und kaputte Schuhe kamen in die Tonne. Das war der Moment für eine Gegenbewegung.

"Machen" wird als Gegensatz zum Kaufen gesehen. Als Haltung

Nun schwappte die Do-it-yourself-Bewegung über den Atlantik, die schon in den fünfziger Jahren in den USA entstanden war. Sie griff rasch um sich. "Heimwerker" taten sich in den überall aus dem Boden schießenden Baumärkten um. Magazine und Fernsehsendungen nahmen die neue Zielgruppe ins Visier. Hier war es der Hobbykeller, in den USA die Garage – Orte, die im besten Fall zu mythischen Räumen der Gedankenfreiheit, der Frechheit und der Intuition wurden.

Do-it-yourself, kurz DIY, war ein eigenartiger Mix aus Sparsamkeit, Zeitvertreib und Individualisierung. Zum echten Phänomen wurde es aber erst Ende der neunziger Jahre, mit der Verbreitung des Internets. Plötzlich war das Werkstatthandbuch des Heckflossen-Mercedes oder die Reparaturanleitung der Waschmaschine nur noch einen Mausklick entfernt. YouTube setzte der Entwicklung die Krone auf: Heute kann sich jeder im Video Schritt für Schritt erklären lassen, wie man bei einer elektrischen Zahnbürste, einem Wegwerfartikel, die Akkus austauscht. Oder wie man das iPhone hackt.

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Der Projektsprecher der Hamburger Handybauaktion, Niels Boeing (der als Journalist auch für die ZEIT schreibt), hat ein weitergehendes Ziel vor Augen: einen Ort, an dem zahlreiche Tätigkeiten stattfinden, einen Treffpunkt von Nachbarn, die sich bei Reparaturen von kaputten Dingen helfen, wo man sich das Ersatzteil für den Oldtimer druckt oder Kleinproduktionen anschiebt. Am Ende soll jede Stadt über so eine Einrichtung verfügen, besser noch jeder Stadtteil. Auch Armen würde Einlass gewährt. Beim St.-Pauli-Handy empfiehlt es sich aber, etwas Kleingeld mitzubringen. Für die Bauteile nehmen die Organisatoren 100 Euro. Das ist das Zehnfache dessen, was ein Billighandy im Internet kostet.

Nicht nur die Eigenproduktion eines Handys zeigt, wie die DIY-Welle inzwischen auch in Deutschland um sich greift. Maker Faire hieß das Kreativ-Festival, das im Juli dieses Jahres 9.000 vorwiegend junge (und meist männliche) Besucher ins Hannoveraner Kongresszentrum lockte. Ein Treffen der Macher. "Machen" wird hier als Gegensatz zu Kaufen betrachtet. Es geht nicht um Konsum, sondern um eigenhändiges technisches Werken. Oder Werkeln.

Aufgemotzte Möbel, ausgedruckte Bauteile, exotische Skulpturen

Fasziniert steht dort ein Teenager vor einem der zahllosen Geräte in dieser Ausstellung, die alle aussehen wie kleine Aquarien. In diesem wächst ohne sichtbares menschliches Zutun ein hübsches, innen hohles geometrisches Gebilde in die Höhe. Fertig könnte das Objekt als übergroßer Ohranhänger taugen. Die jungen Experten hinter dem Tisch erklären dem Mädchen die Details. Das Ding entsteht aus einem blauen Plastikwürstchen. In dünnen Schichten wird der Kunststoff automatisch übereinander abgelegt. Umbaute Luft – ein 3-D-Drucker in Aktion. Das Mädchen schaut eine Weile zu und hat das Prinzip kapiert: "Eigentlich ist auch ein normaler Drucker ein 3-D-Drucker. Nur dass der Tinte aufs Papier legt."

Dieses Gerät, das aus den Umrissdaten jedes noch so kompliziert erscheinenden Objektes eine Dublette "drucken" kann, wurde zum Symbol der FabLabs. Das ist kein Zufall. Manche 3-D-Drucker können sich selbst duplizieren, das große Versprechen hinter dieser Technik lautete: Jeder wird sein eigener Produzent! Das elektrisierte viele DIY-Menschen und Macher. Ihr erstes Festival veranstalteten sie unter dem Namen Maker Faire 2006 in San Mateo in Kalifornien – heute kommen über 100.000 Besucher dorthin. Hierzulande trafen sich die Bastler erstmals 2013 auf Initiative des Heise-Zeitschriften-Verlags (c’t, Technology Review) in Hannover. Bei der Nachfolgeveranstaltung im Juli dieses Jahres war die Besucherzahl schon doppelt so groß. Am Donnerstag dieser Woche gastiert der Maker-Faire-Zirkus mit der Mini Maker Faire im Dortmunder U.

Der 3-D-Drucker ist mittlerweile nur eines von vielen Kreativ-Instrumenten. So hat in Hannover ein Künstler aus Schrottteilen einen feuerspeienden Gaul geschweißt; Nerds aus den Reihen der Regensburger Domspatzen haben eine Maschine gebaut, die den Zauberwürfel selbstständig in Ordnung bringt. Und von der Hochschule Emden/Leer kommt eine imposante Maschine, die in der Lage ist, gleichzeitig zwei Marshmallows zu grillen. Über den Köpfen der Gäste kreist ein ferngelenkter Kleinzeppelin, der mit einer Kamera Aufnahmen macht. Etwa vom Kupferhelm "Steampunk Hunter", der keinen weiteren Zweck erfüllt, als einfach schön zu sein. Draußen auf dem Freigelände bewegen sich immer wieder seltsame Fahrzeuge durch die Besuchermassen. Ein motorisiertes Bobbycar. Ein alter Sessel mit Handantrieb.

Ein Hauch vom emanzipatorischen Freiheitsideal der FabLab- und Maker-Bewegung weht auch noch in Hannover. "Hacker" – der Schrecken vieler Unternehmen und scheuer PC-Besitzer zugleich – ist hier der Name für Helden. "Freifunk Hannover" will ein offenes WLAN-Netz für alle durchsetzen. Volks-3-D-Drucker für 600 Euro werden gezeigt. Die (natürlich quelloffene) anfängertaugliche Programmiersprache Arduino wird vorgestellt. Und ein Liegeradspezialist aus Hannover präsentiert als "Ikea-Hack" einen höhenverstellbaren Schreibtisch, pedalgetrieben, versteht sich. Die "Selberszene" umfasst bastelnde Rentner, aber auch Bands mit eigenem Plattenlabel, Autoren, die ihre Bücher nicht nur selbst verlegen, sondern auch drucken, ebenso neue Handweber und Leute, die ihren Computer optisch aufmotzen ("pimpen") wie andere ihr Auto. Selber Computerprogramme zu schreiben und mit anderen zu teilen ist populär geworden. Dasselbe geschieht jetzt auch bei anfassbaren Projekten. Und in Dänemark basteln Studenten sogar an einer bemannten Weltraumrakete.

Doch auch die Gegenseite ist auf der Maker Faire vertreten. Der Verein Deutscher Ingenieure zum Beispiel, oder, als Partner, das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Denen geht es nun nicht gerade um Demokratie und Befreiung. Sondern um Rekrutierung. Angesichts des Ingenieurmangels im Lande nimmt das System die technikaffine Gegenkultur in den Blick. Hier schlägt den Bastlern ein positives Vorurteil entgegen: Aus systemkritischen Garagenexistenzen werden irgendwann ordentliche Spezialisten in Unternehmen der Technologiebranche. Wenn nicht gleich Firmengründer und Multimilliardäre.

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