Allein mit Kind macht arm

Vor sechs Jahren, als Ella* das Haus in der Nähe von Hamburg kaufte, als sie einen guten Job hatte, ihren Mann kennenlernte und schwanger wurde, da war die Hecke vor dem roten Klinkerbau noch niedrig. Heute ist Ellas Tochter sechs Jahre alt, Ella hat keinen Mann mehr, und die Hecke vor dem Haus ist hoch gewachsen, Ella wollte das so. Als Windschutz und "damit ich die joggenden Muttis nicht sehen muss", sagt Ella und zeigt Richtung Straße. Muttis, damit meint sie diejenigen, die einfach mal so raus können, weil ihre Ehemänner zu Hause auf das Kind aufpassen. Diejenigen, die einen Partner haben, der sie unterstützt, auch finanziell. Ella hat das nicht, die Beziehung scheiterte, seitdem ist sie alleinerziehend, mehr als ein Jahr lang lebte sie von Hartz IV.

Dem aktuellen Datenreport des Statistischen Bundesamtes zufolge drifteten Arm und Reich im Lande etwa bis zum Jahr 2005 immer weiter auseinander. Danach erlebte Deutschland ein Jobwunder, doch trotzdem verfestigte sich ein Milieu, das davon nicht profitiert, das von Dauerarmut und mangelhaften Aufstiegschancen geprägt ist. Ein großer Teil dieser Gruppe sind Alleinerziehende.

Rund 40 Prozent von ihnen beziehen Hartz IV, das eigentlich Arbeitslosengeld II heißt. Das sind 625.000 Haushalte. In neun von zehn Fällen ist der alleinerziehende Elternteil die Frau. Mutter zu sein ohne Partner bedeutet in Deutschland meist eines: den Abstieg in die Armut. Und die Hartz-IV-Statistik untertreibt sogar noch. Dazu komme noch die Dunkelziffer, sagen Wissenschaftler, diejenigen Alleinerziehenden, die sich nicht trauten, aufs Arbeitsamt zu gehen und Hartz IV zu beantragen. Denn wer Hilfe braucht, gibt zu, dass er schwach ist, überfordert. Viele schämen sich: Hartz IV, das sind doch die Verlierer. Und da soll ich dazugehören?

"Ich habe doch einfach nur ein Kind bekommen", sagt Ella. Sie schlägt Sahne für den Apfelkuchen, kocht Kaffee für den Gast, gießt Früchtetee für Tochter Sophie ein. Ella ist 41 Jahre alt, wenn das rote Telefon klingelt und sie den Hörer abnimmt, sagt sie hanseatisch "Moin", wenn sie redet, lacht sie viel. Jetzt nicht. Sie wirkt ernst, überlegt lange, bevor sie antwortet.

Über Hartz IV habe sie früher niemals nachgedacht, sagt Ella. "Ich hatte ja immer genug Geld." Ella hat als Fotografin auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, sie hat Urlauber fotografiert, wenn die sich stolz neben den Kapitän stellten. Es ging nach Rio de Janeiro, auf die Seychellen, nach Madagaskar. Der Lebenslauf von Ella ist nicht geradlinig, sie hatte schon viele Jobs, und viele hat sie auch wieder beendet. Aber immer arbeitete sie. Zwei Jahre lang sogar bei der Agentur für Arbeit, als Arbeitsvermittlerin. Ihre Aufgabe war, sich um die Not anderer zu kümmern. "Da kamen viele Alleinerziehende zu mir", erinnert sich Ella, "überwiegend Verkäuferinnen. Es war furchtbar, weil ich wusste, dass sie es auf dem Arbeitsmarkt doppelt schwer haben."

Einem Report der Bundesagentur für Arbeit zufolge waren alleinerziehende Arbeitslose durchschnittlich 37,9 Wochen ohne Job, bis sie eine neue Anstellung fanden. Bei allen Arbeitslosen liegt der Schnitt lediglich bei knapp 24 Wochen. Ein Grund ist die fehlende Flexibilität. Alleinerziehenden fehlt der Partner, der sie unterstützt. Wer soll das Kind der Verkäuferin betreuen, wenn sie zum Spätdienst muss? Was tun, wenn das Kind krank ist?

Oft wäre ein Teilzeitjob die Lösung. Doch das ist nicht so einfach: Zuletzt suchte ein Drittel der arbeitslosen Alleinerziehenden einen Teilzeitjob, aber nur 15 Prozent der bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellen waren Teilzeitangebote.

Vor vier Jahren veröffentlichte das Institut für Weltwirtschaft eine Studie mit dem Titel: Die Hartz-IV-Falle. Derzufolge blieben viele Alleinerziehende auf Dauer auf Sozialleistung angewiesen, 45 Prozent von ihnen über den Beobachtungszeitraum von zwei Jahren. "Alleinerziehenden gelingt häufig nicht einmal teilweise die Rückkehr in den Arbeitsmarkt, da geeignete Kinderbetreuungsangebote fehlen", hieß es da. Das Alter des Kindes spiele dabei eine entscheidende Rolle: Bei der Betreuung von Kindern bis drei Jahren seien Alleinerziehende in der Regel auf sich allein gestellt, ihnen falle der Ausstieg aus Hartz IV am schwersten.

Seit Mitte vergangenen Jahres gibt es nun einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für jedes Kind im Alter von ein bis drei Jahren. Ist das die Lösung? Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die "vorhandenen Angebote der Kinderbetreuung häufig nicht flexibel genug sind". Auch Hans Bertram, Soziologe an der Humboldt-Universität in Berlin, ist der Meinung, dass die hierzulande typische, an den klassischen Öffnungszeiten orientierte Kinderbetreuung nicht die Lösung des Problems sein kann. "Welche Frauen haben denn von 8.30 Uhr bis 15.30 Uhr Dienst?" Viele Frauen arbeiteten im Dienstleistungsbereich, weiß der Soziologe. "Ihnen helfen die normalen Öffnungszeiten nicht." Die Kinderbetreuung sei auch nur eines der Probleme der Alleinerziehenden, meint Bertram. "Das größere Problem ist das Einkommen."

Frauen, ob verheiratet oder nicht, verdienen in der Regel weniger als Männer, im Schnitt ein Viertel. In fast 60 Prozent der deutschen Familien ist der Mann der Hauptverdiener. Was also passiert, wenn er nicht mehr da ist?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Für die meisten Frauen ist es finanziell sehr schwierig, wenn sie mit einem Mal die Familie ernähren müssen. Ein Drittel der sogenannten Familienernährerinnen verdient nur 900 Euro netto im Monat, "weil viele Frauen im Einzelhandel und im Gastgewerbe arbeiten", sagt Mareike Richter, Projektleiterin beim DGB, und gerade in diesen Branchen arbeiten sehr viele der Alleinerziehenden.

Das Steuer- und Sozialversicherungssystem vergisst Alleinerziehende

Niedrige Löhne führen auch zu einem weiteren Problem: Wer Hartz IV bezieht, hat weniger Antrieb, überhaupt wieder arbeiten zu gehen. Die Studie des Instituts für Weltwirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinerziehende mit Kindern zu den Hartz-IV-Beziehern mit relativ geringen Lohnabständen gehören, vor allem, wenn es sich um geringer Qualifizierte handelt. Klaus Schrader, Mitautor der Studie, sagt: "Ihr Anreiz, eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung anzunehmen, ist nicht sehr ausgeprägt." Zumal, wenn die Kosten für die Kinderbetreuung das Arbeitseinkommen substanziell schmälern würden.

Meist gab es nur Kartoffeln oder Brot mit Kräutersalz zu essen

Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Es sind nicht nur die Kosten für Kinderbetreuung, sondern es ist allgemein das Steuer- und Sozialversicherungssystem, das zwar Ausgleichsmechanismen für die Ehe vorsieht, die Situation Alleinerziehender aber nicht berücksichtigt. Wenn Alleinerziehende ein Leben unabhängig von Grundsicherungsleistungen führen wollten, heißt es in der Studie, müssten sie "vollschichtig" arbeiten, also mehr als sechs Stunden täglich. Ist das Kind noch klein, sei so eine Vollzeitbeschäftigung aber schwierig zu koordinieren.

Bevor Ella Mutter wurde, hatte sie rund 1.600 Euro netto im Monat. Für sich allein. Die Bank gab ihr gern den Kredit für das rote Klinkerhaus. Ella konnte shoppen gehen, Urlaub machen, in Restaurants essen, Bioprodukte kaufen. Weil sie sich gegen Ende der Schwangerschaft für drei Monate arbeitslos melden musste, bekam sie weniger Elterngeld – und war auf Hartz IV angewiesen. "Ich war bedrückt, aber auch wütend", sagt Ella. "Wir wollten ja beide das Kind. Und dann saß ich plötzlich allein da, mit dem Kind und dem wirtschaftlichen Desaster." Mit 334 Euro Hartz IV, Elterngeld, Kindergeld und dem Unterhalt des Kindsvaters kam sie dann auf rund 1.200 Euro netto monatlich. Für sich, die kleine Sophie und das Haus. Rund 320 Euro muss sie jeden Monat an die Bank zurückzahlen. Dazu kommen die Kosten für Strom und Wasser. Das Geld reichte nicht, also begann Ella, ein Haushaltsbuch zu führen, sie notierte jede Ausgabe.

Meist gab es Kartoffeln zu essen oder Brot mit Kräutersalz. Auf neue Klamotten verzichtete Ella, stattdessen schaute sie den Altkleidersack ihrer Schwester durch. Und im Supermarkt etikettierte sie schon mal Obst um, pulte von den Biobananen das Biosiegel runter. Die nächste Tafel, in der kostenlos Lebensmittel an Bedürftige verteilt werden, war 14 Kilometer entfernt, dorthin zu fahren wäre zu teuer gewesen. Ellas Eltern unterstützten Tochter und Enkelin, oft kochten sie für die beiden mit.

Bei Anna V. liegt die Tafel zum Glück in der Nähe, einmal in der Woche geht die 24-Jährige zur Lebensmittelausgabe in Lüdinghausen, einer Kleinstadt zwischen Münster und Dortmund. Dann nimmt sie vor allem frisches Obst und Gemüse mit. "Ich würde gerne ausschließlich vegan oder zumindest vegetarisch kochen", sagt Anna. "Und bio, aber das geht nur selten, zu teuer." Manchmal geht sie ins Reformhaus und schlendert an den Regalen vorbei, sie überlegt sich, was sie alles kochen könnte. Am Ende verlässt sie den Laden meist, ohne etwas gekauft zu haben. Im vergangenen Jahr kam ihr Sohn Ean zur Welt, seitdem hat sich vieles verändert, vor allem finanziell. Anna lebt von Hartz IV. Den Namen ihres Sohnes hat sie sich auf die Innenseite ihres linken Unterarms tätowieren lassen, so, als wolle sie sagen: Ean ist die Konstante. Daran darf sie nie zweifeln.

Weil die Wohnung zu groß ist, zahlt das Amt nicht die ganze Miete

Anna hat eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, zwei Monate vor dem Abschluss wurde sie ungeplant schwanger. Sie beendete die Ausbildung trotzdem, aber dann musste sie sich arbeitslos melden. Von dem Vater des Kindes trennte sie sich, hochschwanger suchte sie eine neue Bleibe. "Das war der Horror!", erinnert sie sich. Kind, Hartz IV, kein Mann – auf dem Wohnungsmarkt keine guten Voraussetzungen. Sieben Monate dauerte die Suche. Seitdem wohnt Anna im Gewerbegebiet von Lüdinghausen, wo die Straßen nach deutschen Unternehmensgründern benannt sind: Bosch, Krupp, Siemens, Benz. Wenn sie aus dem Wohnzimmerfenster schaut, blickt sie auf den Wertstoffhof. Ein Container dort ist ihre "Fundgrube". Anna hat daraus fast ihre gesamte Inneneinrichtung zusammengesucht. Kommoden, Lampen, die rustikalen Stühle in der Küche, den Hochstuhl für Ean, hat alles nichts gekostet.

Weil Annas Wohnung nach den Hartz-IV-Regeln zu groß ist und das Amt nicht die ganze Miete übernimmt, zahlen Annas Eltern die Differenz. Sie wohnen 40 Kilometer entfernt. Anna würde sie gerne öfter besuchen, aber die Fahrt ist zu teuer. "In der Freizeit muss ich am meisten sparen", sagt sie. Sich mit den Freunden auf einen Kaffee treffen – geht nicht. Einen Film im Kino anschauen – geht nicht. Yogakurs – geht nicht. "Aber ich hätte sowieso kaum Zeit für so etwas", sagt Anna.

"Termin- Tetris", diesen Begriff hört man bei Alleinerziehenden oft. Lücken können sie sich nicht leisten, ihre Termine müssen wie Bausteine aufeinanderpassen. Nahtlos, wie in dem Computerspiel Tetris. Es gibt zwei Sätze, die im Alltag einer Alleinerziehenden besonders häufig fallen: "Ich komme gleich!" und "Mach schon mal!" Alleinerziehende müssen sich entscheiden, ob sie für das Kind da sind oder ob Geld für das Kind da ist.

168 Stunden hat ein Mensch pro Woche zur Verfügung. In dieser Zeit leistet er bezahlte und unbezahlte Arbeit – kauft ein, kocht, putzt, versorgt Kinder. Bei Frauen in Deutschland überwiegt die unbezahlte Arbeit, das zeigt der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Ein Beispiel: Frauen zwischen 30 und 44 Jahren arbeiten rund 5,5 Stunden am Tag unbezahlt, knapp zwei bezahlt. Bei gleichaltrigen Männern ist es genau umgekehrt. Um bezahlte und unbezahlte Arbeit kommen wir nicht drumherum, ebenso wenig um die dritte Kategorie: Zeit für die persönliche Versorgung, schlafen, essen, Körperpflege. Die Zeit, die dann noch übrig bleibt, ist freie Zeit, Freizeit.

Einer Studie der Australischen Nationaluniversität zufolge haben Alleinerziehende mit Kind wöchentlich rund 30 Stunden freie Zeit, einer verheirateten Frau, nicht arbeitend und ohne Kind, stehen dagegen fast 50 Stunden frei zur Verfügung. Mit Kind sind es 41 Stunden. Das Problem für Alleinerziehende: Selbst wenn sie freie Zeit haben, ist das Kind fast immer dabei. Doch Zeit für sich allein zu haben ist wichtig. Eine Untersuchung der Princeton-Universität kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem Alleinerziehende häufig unter psychischen Problemen wie Depression leiden. Das ist in Deutschland offenbar nicht anders. Auch Anna und Ella gehen beide zu einer Therapeutin.

Eine typische Familie in Deutschland zu sein heißt: Vater, Mutter und ein oder zwei Kinder. Die ökonomische Basis dieses Klischees sind meist zwei Gehälter und gegenseitige Unterstützung. Doch die Wirklichkeit verändert sich: Laut Statistischem Bundesamt leben rund 8,2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland. In fast jeder fünften Familie ist Mutter oder Vater alleinerziehend. Tendenz steigend. In Europa gibt es nur in Schweden mehr Alleinerziehende.

Und Schweden, meint Soziologe Hans Bertram, kümmere sich besser um die Alleinerziehenden. Wenn eine alleinerziehende Schwedin etwa 30 Stunden die Woche arbeitet, übernehmen die Sozialkassen die Sozialversicherungsbeiträge, bis zum achten Lebensjahr des Kindes. "In Deutschland haben wir stattdessen eine Mischung aus zielgerichteten Leistungen und solchen, die an die Ehe gekoppelt sind."

Eine Lösung, meint Betram, sei die Grundsicherung für Kinder. "Dann muss eine Mutter nur noch für ihre eigene Existenz aufkommen." Verbände wie der Deutsche Kinderschutzbund fordern, dass alle Kinder bis zum Alter von 18 Jahren rund 500 Euro im Monat bekommen. Kinder von Eltern, die gut verdienen, bekämen entsprechend weniger. Die Grundsicherung würde bisherige Leistungen des Staates wie Kindergeld oder Sozialgeld ersetzen.

Ella hatte sich fest vorgenommen, spätestens an Sophies drittem Geburtstag nicht mehr Hartz IV zu brauchen. "Ich hatte nie einen richtigen Plan, aber als alleinerziehende Mutter brauchst du einen." Ella machte sich selbstständig, als Fotografin. Bei Terminkollisionen nimmt sie Sophie einfach mit. Sophie hat dann eine eigene kleine Kamera dabei, vor Kurzem war das Motiv ein Hochzeitspaar.

*Name geändert