Als die badische Weinstraße im Mai 1954 öffnete, war es ein mit Tannenreisig geschmückter Postbus, der die ersten Weintouristen transportierte. In den Probierstuben hingen Plastikreben, der Grauburgunder hieß noch Ruländer und war so gehaltvoll, dass man nach einem halben Henkelglas bettschwer an der Tischkante lehnte. Heute wird an der Weinstraße getanzt, international bekannte DJs legen auf. Der badische Weinbauer, bislang nicht als leichtfüßiger Charmeur bekannt, lässt ungeahnte Neigungen aufblitzen.

Auf dem Weg nach Lahr pirscht sich jemand im Windschatten an mich heran. Es ist Ray, ein pfiffiger Kanadier. Gemeinsam legen wir einige Kilometer zurück. Ray hat einen Narren am badischen Spätburgunder gefressen, den er entlang der Weinstraße verkostet. Manchmal übernachtet er mit weinroten Lippen neben knorrigen Rebstöcken unter freiem Himmel. "Ihr Deutschen wisst gar nicht, wie herrlich Baden ist", schwärmt er und lässt vor Übermut seine Mütze durch die Luft segeln. Dann trennen sich unsere Wege. Er radelt weiter, ich kürze ab, im Radabteil der Bahn.

In Sasbachwalden in der Ortenau hat die Weinstraße ihr Gesicht verändert und sich für Dramatik entschieden: Die Reben klettern den Westhang des Schwarzwalds hinauf, weiter oben stehen Tannen. Wein aus dem Schwarzwald? Doch, den gibt es, wenn auch nur in wenigen Orten. "Wir fühlen uns als Schwarzwälder", stellt Ilona Wild klar, während sich hinter ihr Mountainbiker die Serpentinen hochschrauben. Gemeinsam mit ihrem Mann Erich bewirtschaftet sie ihren Hof; ihre Trauben liefern sie an die Genossenschaft Alde Gott ab, wie fast alle Winzer im Ort.

Die Wilds heben sich durch andere Ideen ab: Sie halten Alpakas an den Steilhängen und bieten Übernachtungen im Weinfass an, mitten im Rebberg. Acht Fässer haben sie zu vermieten. In jedem ist angeblich Platz für zwei. Man sollte sich aber sehr vertraut sein, wenn man diese Erfahrung teilen will. Über der Matratze wölben sich die Fassdauben, ich fühle mich wie im Kernspintomografen. Gut, dass zur Begrüßung eine Flasche Winzersekt geöffnet wird; er hilft, Beklemmung abzubauen. Wenn das nicht reicht, wartet über den Fässern der Schnapsbrunnen von Frau Wild, mit selbst gebrannten Destillaten wie dem Zibärtle, einer wilden Pflaume, oder dem Eierlikör. Der Schnapsbrunnen ist einer von insgesamt zehn, die durch einen Wanderweg verbunden sind. Gelegentlich, heißt es im Dorf, sehe man beschwipste Wanderer durchs Unterholz stolpern.

Bislang seien noch alle heil angekommen, versichert Ilona Wild, füllt ihr Gläschen mit Eierlikör und lässt zufrieden den Blick schweifen: Das ganze Rheintal liegt ihr zu Füßen. Von hier aus sind das Straßburger Münster und sogar die Vogesen zu erkennen. Neben der Aussicht und ihren saftigen Rieslingen ist die Ortenau auch bekannt dafür, dass man gern zusammensitzt: "Lieber a Bäuchle vom Esse als a Buckel vom Schaffe." Das kleine Sasbachwalden hat eine kulinarische Meile eingerichtet mit über zwanzig Lokalen, vom Sternerestaurant bis zur Burewirtschaft s’Dolle Frieders, der Schwarzwaldvariante der Straußis. Spezialität ist die heiß geräucherte Forelle, dazu wird Müller-Thurgau serviert. Auf den schlichten Holzbänken rückt man gern zusammen, wenn der Duft aus dem Räucherofen weitere Gäste anlockt.

An Baden-Baden und Karlsruhe vorbei geht es weiter nordwärts in den Kraichgau, den man auch das Land der tausend Hügel nennt. Sehr zu Recht, wie ich bald merke. Hoch und runter geht es, dann wieder von vorne, hier kann man den Bauplan seiner Muskulatur im Detail kennenlernen. Endlich kommt Tiefenbach in Sicht, das Zentrum des Kraichgauer Weinbaus mit den Gütern Heitlinger und Burg Ravensburg. Beide haben denselben Betriebsleiter: Claus Burmeister. Er ist für rund hundert Hektar Reben zuständig, die ökologisch bewirtschaftet werden, kein anderes Gut in Deutschland betreibt Bioweinbau in dieser Dimension. Über 160.000 Rebstöcke hat Burmeister in den letzten Jahren pflanzen lassen, er konnte es nicht ertragen, dass Parzellen in den besten Lagen des Kraichgaus verwilderten. Darum sind einige dunkle Flecken in diesem Landschaftsgemälde wieder mit einem satten Grün überpinselt.

Doch noch immer liegt Rebland brach; viele Winzer haben aufgegeben. "Wir liegen mitten im Nirgendwo" klagt Burmeister, "alle fahren an uns vorbei." Schade, die Weine hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Rebsorte fühlt sich hier besonders wohl: der Auxerrois, eine Variante des Weißburgunders mit bekömmlicher Säure und zartem Schmelz. Noch ein zweiter Außenseiter gedeiht prächtig: der Lemberger. Dicker Franz heißt Burmeisters bester, mit fruchtiger Energie von Cassis und Holunder und aparter erdiger Grundierung, er transportiert den Charme dieser unverbrauchten Landschaft. Zu den beiden Weingütern gehören auch ein Restaurant und ein Golfplatz, ein Hotel wird gerade fertig gestellt. Man könnte ewig sitzen, sich vom Auxerrois nachschenken und zuschauen, wie die Golfbälle über das Grün hoppeln. Aber das letzte Stück der Weinstraße liegt noch vor mir.

An Heidelberg vorbei fahre ich an die Badische Bergstraße, die bei Laudenbach in die Hessische Bergstraße übergeht. Landesgrenzen sind nicht eben hilfreich für die Vermarktung. Hier trifft man keine Weintouristen. In den Lokalen sitzen die Einheimischen unter sich. In Ladenburg, einem adretten Städtchen, im dem die Architektur des späten Mittelalters überdauert hat, führt der junge Winzer Matthias Schmidt mit dem Rosenhof das einzige Weingut. Nebenher arbeitet er als Kellermeister bei einer Genossenschaft auf der hessischen Seite. Hessen fühlt sich der Winzer mehr verbunden als Baden und der Badischen Weinstraße, zu der die Region seit Kurzem zählt. Er fragt sich, "ob die Winzer in Südbaden überhaupt wissen, dass wir dazugehören". Ein wenig erinnere ihn die Weinstraße an die EU: "Wir gehören zwar zusammen, aber uns trennt mehr, als uns verbindet."

Schmidt jedenfalls hat wenig gemein mit seinen Kollegen im Süden, die DJs verpflichten, Schnapsbrunnen installieren oder Vorzeigebetriebe in den Berg treiben. Er baut seine Weine in einem hundert Jahre alten Gewölbekeller aus, ausgeschenkt werden sie in einem umgebauten Kuhstall. Ins Marketing steckt Schmidt kaum Energie, die Weine sollen für sich sprechen. Und das tun sie. Sein Riesling imponiert mit einer feinen Säure, die den Gaumen massiert, und einer Frische, die so vielen badischen Weinen fehlt – zu einem Preis, für den mancher am Kaiserstuhl gerade mal Traubensaft verkauft. Diese gelassene Zeitgeistresistenz macht die Bergstraße sympathisch. Es könnte keinen schöneren Ruhepunkt geben nach fünf Tagen auf dem Rad.