Das Beben verlief quer durch die Finanzmärkte. Die Zinsen amerikanischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit – Wertpapiere, die weltweit den Markttrend vorgeben – machten am vergangenen Freitag plötzlich einen Sprung, ihr Kurs brach ein. Der deutsche Versicherer Allianz verlor mehrere Milliarden Euro an Wert, der Deutsche Aktienindex schloss im Minus. Doch die Erschütterung hatte nichts mit dem Terror in Syrien oder den Spannungen zwischen Russland und dem Westen zu tun. Verursacher war ein Mann im besten Rentenalter: Bill Gross. Nach mehr als 40 Jahren verließ er Knall auf Fall den amerikanischen Vermögensverwalter Pimco – die Pacific Investment Management Company mit Sitz im kalifornischen Newport Beach. Das genügte, um Investoren und Finanzmedien weltweit in Aufregung zu versetzen und die Aktie der Allianz, zu der Pimco seit dem Jahr 2000 gehört, fallen zu lassen.

Die massive Reaktion auf den Abschied bestätigte Gross’ inoffiziellen Titel: King of Bonds, Herrscher der Anleihen. Verdient hat ihn sich der 70-Jährige, indem er den größten Anleihefonds aller Zeiten aufbaute. Der Total Return Fonds, der aktuell gut 220 Milliarden Dollar verwaltet, schrieb Finanzgeschichte und ist bis heute Pimcos Flaggschiff. Gross war der führende Partner bei der Gründung 1971 und machte Pimco zu einem der größten Vermögensverwalter weltweit. Heute gebietet das Haus über rund 1970 Milliarden Dollar – das entspricht Indiens Bruttoinlandsprodukt.

Es ist nicht zuletzt Gross und seinem Fonds zuzuschreiben, dass heutzutage auch Kleinanleger in Anleihen investieren können. Mit seiner Fistelstimme beeinflusst Gross die Märkte fast so stark wie die Chefs der US-Notenbank. Und wenn diese Entscheidungen treffen, warten die Marktteilnehmer regelmäßig auf Gross’ Urteil, das er dann gerne im Börsensender CNBC verkündet. Sein monatlicher Rundbrief gehört zur Pflichtlektüre in den Handelsabteilungen weltweit.

Umso lauter ist der Krach nun. Nach dem obligatorischen Dank sprach Pimco von "fundamentalen Differenzen" über die Zukunft der Firma. Finanzkreisen zufolge wollten seine Kollegen Gross am Wochenende den Stuhl vor die Tür stellen, doch Gross kam ihnen zuvor und erklärte ohne Vorwarnung, schon Anfang dieser Woche bei Janus Capital anzuheuern. Bei dem deutlich kleineren Wettbewerber soll er künftig einen Anleihefonds betreuen. Das ist in etwa so, als würde Queen Elisabeth II die britische Krone ablegen und erklären, sie sei nun Senatorin der Fidschi-Inseln.

Die Allianz will sich zum Verlauf der aktuellen Ereignisse nicht äußern. Doch klar ist, dass schon seit mehr als einem Jahr die Welt in Newport Beach nicht mehr in Ordnung war. Der Total Return Fonds erlitt 2013 erstmals seit 1999 Verluste. Mit den Schwierigkeiten ist Gross zwar nicht allein, denn allen Anleiheinvestoren bläst der Wind ins Gesicht, seit klar ist, dass die US-Notenbank früher oder später ihre Zinsen erhöhen wird. Gross aber hatte das absehbare Ende der rund 30 Jahre langen Periode, in der Anleihen ein Boomgeschäft gewesen waren, zu früh ausgerufen. Anfang 2011 stieg Gross aus US-Staatspapieren aus und warnte vor fallenden Kursen – doch das Gegenteil trat ein. Die Kunden waren enttäuscht, auf einmal schien die Zeit des Altmeisters, der dem Markt bis dahin meist einen Schritt voraus gewesen war, vorbei. Sein Fonds fiel in Branchenvergleichen von der Spitze ins hintere Mittelfeld.

Hinzu kamen Probleme mit Kollegen. Zwar hatte Gross, der selbst bei Fernsehauftritten hemdsärmelig, leicht zerknittert und mit ungebundener Krawatte erscheint, schon immer einen sehr eigenen Führungsstil, den Betroffene vorsichtig mit "intensiv" oder "direkt" beschreiben. Gewaltig krachte es aber zwischen Gross, verantwortlich für die Investmentstrategie, und Pimcos Vorstandschef Mohamed El-Erian, lange für die Betreuung der Kunden weltweit zuständig.

El-Erian ist der Sohn eines ägyptischen Diplomaten, aufgewachsen in New York, Absolvent der britischen Elite-Universitäten Cambridge und Oxford sowie Doktor der Ökonomie. Im Herzen eher Akademiker, hat El-Erian eine methodische Herangehensweise bei der Analyse der Märkte. Gross hingegen fand über Einsätze als Offizier in Vietnam und die Spieltische von Las Vegas den Weg in die Finanzwelt. Sein Studium der Psychologie finanzierte er mit Gewinnen beim Black Jack, einem Spiel, das weniger mit Glück als mit Geschick und Kartenzählen zu tun hat. Gross hat alle Eigenschaften, die den erfolgreichen Trader – eine Tätigkeit, die mit "Händler" nur sehr unzureichend übersetzt ist – ausmachen: die obsessive Beschäftigung mit den Bewegungen am Markt, mit Zahlen, und den unbändigen Ehrgeiz, stets auf der Gewinnerseite zu landen. Die Unterschiede zwischen El-Erian und Gross konnten größer kaum sein. Im Januar kam es zum Bruch. El-Erian verließ Pimco und wurde Berater bei der Mutter Allianz. Ein schwerer Schlag, schließlich galt der angesehene El-Erian als designierter Nachfolger von Gross.

Es kam noch schlimmer: Einige Wochen nach El-Erians Abschied brachte das Wall Street Journal einen Hintergrundbericht über die Querelen. Darin wird Gross als Chef mit Allüren und tyrannischen Zügen beschrieben, der Mitarbeitern morgens nicht einmal in die Augen schauen wolle und El-Erian mehrfach vor Kollegen herabgesetzt habe. Zur Lachnummer wurde Gross durch die Anekdote, dass er sich gerne mit Secretariat vergleiche, einem legendären Rennpferd der siebziger Jahre.

Gross’ Reaktion machte die Sache nicht besser. So meldete er sich bei der Nachrichtenagentur Reuters und behauptete, der Bericht des Wall Street Journal sei ein Racheakt von El-Erian. Das Ganze geriet zur Schlammschlacht. Das Wirtschaftsmagazin Businessweek setzte ein Porträt von Gross auf den Titel, mit der Zeile: "Bin ich wirklich so ein Blödmann?"

Bizarre Episoden sorgten weiter für Verwunderung. So widmete Gross seinen Investmentbrief im Frühjahr seiner toten Katze Bob. Dann erschien er bei einer Konferenz mit Sonnenbrille – und nahm sie während des ganzen Vortrags nicht ab. Er wolle sich gegen das grelle Licht der Kritik schützen, begründete er den Auftritt.

Derweilen zogen Investoren – konservative Pensionskassen, Versicherer, Stiftungen – zunehmend ihr Geld ab. Der Total Return Fonds verlor rund 70 Milliarden Dollar. Endgültig am Ende war die Geduld mit Gross wohl, als er eine E-Mail an Pimco-Führungskräfte verschickte, in der er Kollegen anprangerte – so berichtet es das Wall Street Journal . Die Betroffenen hätten daraufhin ein Ultimatum gestellt: Bill oder sie. Die Allianz will zu dieser Geschichte nicht Stellung nehmen, dementiert sie aber auch nicht. Pimco war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Einen Nachfolger hat Pimco schnell benannt. Und auch die Allianz versucht, die Wogen zu glätten, indem sie sich neuerlich zu Pimco bekennt. Immerhin stellt die Tochterfirma den Kern der Vermögensverwaltungssparte dar, die rund 30 Prozent zum operativen Gewinn des Konzerns beiträgt, und Gross war trotz aller Probleme Pimcos Zugpferd. Neben dem Total Return Fonds verwaltete er noch andere Fonds, und die Sorge ist groß, dass sein Abgang weitere Kunden vertreibt – oder dass Gross einige sogar überreden könnte, ihm zu Janus zu folgen. J.P. Morgan rechnet mit gut 220 Milliarden Dollar, die Investoren abziehen könnten, andere Schätzungen gehen noch höher. Erschwert wird die Lage durch eine Untersuchung, die die amerikanische Börsenaufsicht kürzlich wegen Bewertungen bei einem Fonds für Kleinanleger eingeleitet hat.

Mit Gross’ Abgang geht eine Ära zu Ende. Die Reihen der Investorenlegenden lichten sich. Zugleich verzeichnen passive Indexfonds, die Entwicklungen bei Aktien oder Anleihen nur nachbilden, hohe Zuflüsse: In den ersten sieben Monaten 2014 strömten ihnen in den USA 128 Milliarden Dollar zu; Fonds, bei denen Manager entscheiden, sammelten nur 18 Milliarden Dollar ein. Bill Gross und seinesgleichen werden von Computern ersetzt.