Der erste Schuss trifft Stjepan Đureković in der rechten Hand, Nummer zwei und drei durchlöchern seine Arme. Als er versucht, wegzulaufen, feuern ihm die Täter in den Rücken. Eine Pistolenkugel aus einer Beretta, Kaliber 7,65, bleibt in seiner Lunge stecken. Der sechste Schuss schlägt in Đurekovićs Hinterkopf ein. Er liegt blutüberströmt auf dem Boden, als einer der drei Täter mehrfach mit einem Messer auf seinen Kopf einsticht. Es ist nicht bloß ein Mord, es ist eine Hinrichtung. Am Morgen des 28. Juli 1983 wird der kroatische Oppositionelle in einer Garage im bayerischen Wolfratshausen gefunden. Die Mörder werden nie gefasst.

Dennoch stehen jetzt, mehr als 30 Jahre später, zwei Männer wegen dieser Tat vor Gericht. Von dem 17. Oktober an müssen sich am Oberlandesgericht (OLG) München die beiden ehemaligen hochrangigen kroatischen Geheimdienstler Josip Perković, 69, und Zdravko Mustač, 73, wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Sie sollen die Todesschwadron ausgesandt haben. Perković sei, so steht es in der Anklageschrift, von seinem Vorgesetzten Mustač beauftragt worden, "den Mord an Đureković zu planen und logistisch vorzubereiten".

Es dürfte aus vielerlei Gründen ein spektakulärer Prozess werden. 50 Verhandlungstage sind schon jetzt angesetzt, Beteiligte gehen von mehr als 100 aus. 44 Zeugen und sieben Sachverständige sind geladen, 133 Journalisten haben sich akkreditiert, darunter 15 aus Kroatien. Je vier Verteidiger kümmern sich um die Angeklagten, verhandelt wird parallel auf Deutsch und Kroatisch. Juristisch ist dieses Verfahren Neuland, da nie zuvor ein souveräner Staat einen seiner Geheimdienstmitarbeiter ausgeliefert hat.

Die kroatische Regierung tat dies allerdings nicht ganz freiwillig. Noch drei Tage vor dem EU-Beitritt am 1. Juli 2013 hatte sie ein im Volksmund "Lex Perković" genanntes Gesetz erlassen, wonach der internationale Haftbefehl, mit dem Perković seit 2005 gesucht wurde, nur auf Taten nach 2002 anwendbar sein sollte. Erst auf Druck der deutschen Regierung und der EU-Justizkommissarin Viviane Reding knickten die Kroaten ein und kippten das Gesetz. Die beiden Männer wurden im Januar und April dieses Jahres ausgeliefert und sitzen seither in der JVA Stadelheim.

Der Versuch, Perković und Mustač im Land zu behalten, ist aus kroatischer Sicht nachvollziehbar. Die beiden sind absolute Topagenten, saßen an den Schaltstellen der Sicherheitsbehörden. Mustač war in den 1980er Jahren Chef des Geheimdienstes der Teilrepublik Kroatien, des SDS, Perković war dort damals für die Abteilung II zuständig, die "Feindliche Emigration". Im Gegensatz zu Mustač blieb er auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Geheimdienst aktiv. In der Regierung des nationalistischen Franjo Tuđman übernahm er 1990 den Militärischen Abschirmdienst und koordinierte während des Bürgerkriegs den Waffenhandel der kroatischen Teilrepublik. Zeitweise war er gar stellvertretender Innenminister. Perković ist bestens vernetzt, so ist sein Sohn bis heute Sicherheitsberater des Staatspräsidenten Ivo Josipović. Mit ihrem Wissen könnten Perković und Mustač vielen in Kroatien gefährlich werden.

Das Opfer Stjepan Đureković galt im Vielvölkerstaat Jugoslawien der achtziger Jahre als Staatsfeind, unter anderem wegen eines von ihm verfassten Manifests mit dem Titel Der Kommunismus, ein einziger Betrug. Unter dem kommunistischen Diktator Josip Broz Tito waren Regimekritiker mit aller Härte verfolgt worden. Bereits 1966 hatte er mit einer Novelle des Strafgesetzes dafür gesorgt, dass "staatliche Verfolgungsmaßnahmen gegen politische Opponenten unabhängig (...) von dem Ort ihrer antijugoslawischen Tätigkeit" rechtens waren, wie es in einem Gutachten des Bundesnachrichtendienstes (BND) heißt.

Jugoslawische Agenten waren seither legitimiert, Republikflüchtige in der ganzen Welt zu verfolgen. Das taten sie auch noch weit nach Titos Tod 1980. Vor allem in Deutschland, wo in den achtziger Jahren rund 15.000 politisch emigrierte Jugoslawen lebten. Bis 1989 sind hierzulande nach Schätzungen der Geheimdienste 35 Exilkroaten aus politischen Gründen getötet worden. Es ist die längste, in großen Teilen unaufgeklärte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte.