Der Online-Kunstmarkt hat – wie alle Internet-Phänomene – seine klar identifizierbaren Fans und seine leidenschaftlichen Verächter. Auf jeden begeisterten Wachstumsreport zu diesem jungen Markt folgt zuverlässig der Beitrag eines Mahners, der vor dem Verlust der Aura beim Handel im Internet warnt. Schwierig lässt sich allerdings bestimmen, was das genau ist: der Kunstmarkt im Internet.

"Ein Verkäufer ist in grässlicher Zwangslage und braucht Cash. Wollen Sie ein grausames und beleidigendes Angebot machen?" So lautete im Sommer 2009 eine E-Mail, die eine Mitarbeiterin der New Yorker Gagosian Gallery an einen ihrer favorisierten Kunden schickte. Angepriesen wurde ein Roy-Lichtenstein-Gemälde eines anderen Gagosian-Klienten, der zum Verkauf gezwungen war. Das Dealen mit Millionenwerken per E-Mail zwischen Galeristen und Sammlern, die sich kennen und einander vertrauen, ist der selten erfasste, weil diskret im Verborgenen ablaufende, Highend-Bereich des Online-Kunstmarkts.

Am anderen Ende der Skala findet man Internet-Verkaufsseiten wie Artspace, 1stdibs, Fine Art at Amazon oder die Collectibles-&-Art-Rubrik bei eBay, die einem Millionenpublikum mit einfachsten Click-and-Buy-Offerten den Zugang zum Kunstmarkt ermöglichen. Bei Amazon etwa kann seit Sommer vergangenen Jahres jeder ab 50 Dollar ein Ölgemälde eines noch unbekannten Künstlers erstehen. Auch eBay verkauft laut der neuesten Studie des Versicherungsunternehmens Hiscox zum Internet-Kunstmarkt mehr als 90 Prozent seiner Kunstwerke und Sammlerobjekte für einen Preis unter 100 Pfund. Neben dieser Click-and-Buy-Riege gibt es noch Anbieter wie das deutsche Online-Auktionshaus Auctionata, das seit 2012 Kunst ausschließlich im Internet versteigert, oder die Plattform Artsy, die ein transparentes Kunstangebot im Netz veröffentlicht, die konkreten Verkaufsverhandlungen dann jedoch wieder den Galerien der Künstler überlässt.

So vielfältig, so unübersichtlich. Dass der Internet-Kunsthandel insgesamt boomt, will heute aber keiner mehr bezweifeln. Zumal schon die begleitenden Erfolgsmythen verbreitet werden: Zuletzt war es eBay, das Schlagzeilen machte. Ende August wurde eine Erstausgabe der Action Comics von 1938 für 3,2 Millionen Dollar zugeschlagen – womit es nun der teuerste Comic der Welt ist. Der Rekordpreis ist nachvollziehbar, schließlich ist das Heft, in dem einst die erste Superman-Geschichte erschien, ein wohlbekanntes Produkt. Zudem war es über 30 Jahre lang fachgerecht in einem lichtundurchlässigen Koffer aufbewahrt worden. Einen ähnlichen Fall erlebte Sotheby’s im April dieses Jahres, als ein zugeschalteter Online-Bieter bei einer Saalauktion ein Exemplar von John James Audubons wundervoll illustriertem Buch The Birds of America (1827 bis 1838) für 3,5 Millionen Dollar ersteigerte. Es war das höchste Gebot, das jemals im Internet für ein Werk bei einer Sotheby’s-Versteigerung abgegeben wurde.

In Schaubildern zum Online-Kunstmarkt zeigen die Graphen derzeit steil nach oben – was mit gewisser Vorsicht zu lesen ist, weil dieser Markt eben auch von ganz unten kommt. Zudem gibt es kaum Vergleichszahlen. Der bereits erwähnte Hiscox Online Art Trade Report, der in diesem Jahr erst zum zweiten Mal erscheint, schätzt den globalen Gesamtumsatz aller Internet-Kunstverkäufe 2013 – ohne die sogenannten Collectibles wie Sportsammelkarten oder Actionfiguren – auf rund 1,1 Milliarden Euro. Das bedeutet eine erstaunliche Steigerung von über 80 Prozent gegenüber dem vermutlich zu schwach geschätzten Vorjahresgesamtumsatz in der ersten Ausgabe des Reports. Was die Zukunft betrifft, geht Hiscox "nur" von 19 Prozent Zuwachs jährlich aus. Und noch etwas hat die Studie herausgefunden: Zwei Drittel der Internet-Käufer sind nicht bereit, mehr als 10 000 Euro für ein einmaliges Kunstwerk wie ein Ölgemälde auszugeben, und nur jeder Zehnte investiert bedenkenlos mehr als 50 000 Euro bei einem Internet-Geschäft. Der Kauf-Klick wird anscheinend immer noch von Skepsis begleitet.