Kristof Magnusson, der mit seinen bislang zwei Romanen nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim Lesepublikum Erfolg fand, dessen schmissige Theaterkomödie Männerhort verfilmt wurde und in illustrer Besetzung (Elyas M’Barek, Detlev Buck, Christoph Maria Herbst) demnächst ins Kino kommt, dieser 1976 geborene, umwerfend freundliche, trotz Literaturstudium in Leipzig höchst wirklichkeits- und milieutrainierte Schriftsteller ist nicht das, was man einen großen Stilisten nennt.

Natürlich verfügt er über einen Schreibstil, er ist pointen- und dialogsicher. Aber es ist ein Stil, der keine Ambitionen darauf verwendet, die Strecke zwischen einer Mitteilung und ihrer sprachlichen Form in distinktiver Weise auszugestalten; mit syntaktischer Raffinesse, hellsichtigen Metaphern oder mit einem Vokabular, dessen Radius die Grenzen des Umgangssprachlichen deutlich überschritte. Man kann einen solchen Stil als pragmatisch bezeichnen. Er zeigt sich in Sätzen wie: "Nun musste Anita den Patienten ins nächste Krankenhaus bringen, wo die Möglichkeit bestand, einen Herzkatheter zu machen." Dieser Satz erfüllt seine Mitteilungsfunktion, aber von stilistischem Schliff ist das "machen" des Herzkatheters so weit entfernt wie das "Bestehen" einer Möglichkeit.

Was sagt dieser Befund nun über einen Roman? Noch nicht alles. Kristof Magnusson mag kein herausragender Stilist sein, eines aber ist er: ein klasse Erzähler mit einem klasse Sujet, das er in für hiesige Literaturverhältnisse eher unüblicher Ausdauer recherchiert und in eine mitreißende Medizinergeschichte verwandelt hat. Wenn man als Leser auf Seite 120 bei dem Satz "Nun musste Anita den Patienten ..." anlangt, ist man von dieser Geschichte längst dermaßen gefesselt, dass man jedes Verb verzeiht und jede Eckigkeit überhört. Man will jetzt nur noch wissen, von wem und wie der Herzkatheter angelegt wird, mit Narkose oder Kurzschlaf, ob die vorläufige Diagnose "Kammerflimmern bei Hinterwandinfarkt" der Notärztin Anita Cornelius stimmt oder nicht, ob der Patient durchkommt und wenn ja, wie er die Sache verkraftet.

Über Monate hin begleitete Kristof Magnusson Berliner Notärzte bei ihren Einsätzen, und dieses Interesse dokumentarischer Realitätsbeobachtung zahlt sich aus. Es beschenkt den Roman mit jener erregenden Energie, die sich bei der Entdeckung unbekannter Wissenswelten einstellt. Das Sirenengeheul von Notarztwagen hat jeder im Ohr. Aber wer weiß schon en détail, wie es am Unfallort zugeht, wenn die komplette Karosserie eines Autos horizontal aufgeschnitten wird, um den eingeklemmten Fahrer zu befreien?

Natürlich erschöpft sich MagnussonsArztroman nicht in der Darstellung medizinischen Fachwissens. Er hat einen Erzählplot, und dieser ergibt sich aus dem zeittypisch desaströsen Privatleben der temperamentvollen Berliner Notärztin Anita; sie ist Anfang vierzig, vom Kollegen Adrian geschieden, der vierzehnjährige Sohn kommt nur noch als Gelegenheitsbesucher in die provisorisch eingerichtete Kreuzberger Singlewohnung. Es gibt den schwulen Rettungsassistenten Maik und Anitas neuen Liebhaber, der in buddhistischer Aussteigergelassenheit am Wannsee Segelboote repariert. Auf dem Höhepunkt des Plots kommt es anlässlich eines Segeltörns zum psychodramatischen Showdown aller Beteiligten. Die Pointe des Romans liegt aber darin, dass sich nichts davon, weder Anitas Rosenkrieg mit dem Exgatten noch eine ihrer Liebesnächte, mit der Faszination ihres Berufsalltags messen kann. Die triviale Heftchengattung namens Arztroman stülpt Magnusson wie einen Handschuh um. In den Heftchen dient das Faktische des Medizinerlebens nur als Alibi für das Sentimentale. Hier ist es beinahe umgekehrt.

Nein, Kristof Magnusson spaziert nicht als neuer Thomas Mann durch die deutsche Gegenwartsliteratur. Aber er fügt ihr ein erhebliches Quantum Realitätskenntnis und Realitätsfülle hinzu. Er schreibt auf eine Weise, die in Ordnung ist. Und er hat außerordentlich viel zu sagen. Das ist in der Literatur bisweilen zweierlei.