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Die Stadt Kobani war einmal eine Hoffnung. Sie gehörte zur Region Rojava, welche die Kurden Ende vergangenen Jahres, mitten im blutigen Bürgerkrieg in Syrien, unter ihre Selbstverwaltung bringen konnten. In diesem Frühjahr sollten dort sogar Wahlen stattfinden. Ein de facto kurdischer Staat, direkt an der Grenze zur Türkei, geboren aus dem zerfallenen Syrien. Obwohl Rojava von Anfang an vom "Islamischen Staat" (IS) bedroht wurde, galt es bis zuletzt als das sicherste Gebiet in Syrien – besonders die Stadt Kobani.

Sie schien so sicher, dass Hamo mit seiner Frau, seinen fünf Kindern und den Großeltern vor einem Jahr von Damaskus nach Kobani zog und sich mit dem Ersparten ein Haus kaufte. Der kurdische Bauarbeiter investierte in die Zukunft und glaubte, dass Kobani sie ihm bieten könne. Und er vertraute darauf, dass die PYD (der syrische Ableger der Kurdenorganisation PKK) die Stadt schützen würde.

Auch die türkische Regierung glaubte, dass sich Rojava etablieren würde. Tayyip Erdoğan, damals Premierminister, sagte, die Türkei würde solche "terroristischen Strukturen" an ihrer Grenze nicht tolerieren. Er meinte nicht die militanten Islamisten, sondern die PYD.

Am Donnerstag vergangener Woche aber steht Hamo mit seinen beiden Söhnen Dilberin, 9, und Ferman, 13, an der türkisch-syrischen Grenze im Örtchen Yumurtalık, keine 15 Kilometer von Kobani entfernt. Wie Tausende andere syrische Kurden bringt Hamo seine Familie in die Türkei in Sicherheit vor den IS-Terroristen. Denn Kobani scheint vor dem Fall zu stehen.

Es ist es dunkel, kurz vor Mitternacht. Hamo, Ferman und Dilberin haben so viel mitgenommen, wie sie tragen können: zwei schwere Koffer, mehrere Plastiktüten mit Lebensmitteln. Die drei stehen neben dem Container des türkischen Katastrophenschutzes, wo sich ankommende Flüchtlinge registrieren sollen. Hamo diskutiert mit den Helfern. Der 45-Jährige versucht, seine Lage zu erklären: Seine Frau sei bereits mit zwei weiteren Söhnen, 16 und 3 Jahre alt, in der Türkei, in einem Lager in der Nähe der Grenzstadt Suruç, sie sollte den Sohn Dilberin abholen kommen. Er und der 13-Jährige wollen zurück nach Syrien. In Kobani habe er seine Eltern zurückgelassen und das Haus. Hamo hat noch eine 18-jährige Tochter, Rojda. Sie hat sich vor drei Monaten bei der PYD rekrutieren lassen. Seither kämpft sie gegen den IS. Rojda heißt anders – aus Sicherheitsgründen soll ihr wirklicher Name verschwiegen werden.

Hamo drängt. "Wir können unsere Heimat nicht den Terroristen überlassen. Sie töten unsere Kinder", sagt er. Unter den Flüchtlingen sind kaum Männer. Sie bringen ihre Frauen, Kinder und ihre Alten in Sicherheit und kehren zurück, um mit der PYD gegen den IS zu kämpfen. Die Flüchtlinge sind überall: in Parks, in einem leer geräumten Supermarkt neben dem Rathaus, in einem Hochzeitssalon, viele bei Freunden und Verwandten. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Die türkische Regierung spricht von 160 000, Helfer vor Ort schätzen, es seien 50 000 bis 60 000 Flüchtlinge. Die türkische Polizei ist mit Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen angerückt. Hin und wieder wird die Leiche eines PYD-Kämpfers durch die Stadt getragen.

Unter Kurden heißt es: "Der einzige Freund des Kurden ist der Kurde." Hier in Suruç sagen sie: Wir Kurden sind es, die gegen den IS kämpfen. Wir stehen zwischen dem IS und der Türkei. Wir sind die Ersten, die sterben, und die Einzigen, die Widerstand leisten. Wir bewachen die türkische Grenze und organisieren Hilfe. Viele Flüchtlinge aus Kobani haben Familie und Freunde auf der türkischen Seite des Grenzzauns. Vor dem Bürgerkrieg in Syrien war es normal, ihn täglich zu passieren. Vor dem Bürgerkrieg war Assad ein guter Freund der Familie Erdoğan. Man fuhr gemeinsam in den Urlaub. Und überhaupt, diese Grenze, die mitten durch Dörfer "mit einem Lineal" gezogen worden sei, wie einer sagt – sie ist nicht die Grenze der Kurden. Sie ist künstlich. So sehen sie das hier. Die Region ist faktisch kurdisch, niemandes erste Sprache ist Türkisch, und der türkische Staat zeigt sich hier nur in Gestalt von Polizei und Armee.

Hamo wird immer ungeduldiger. Was soll er bloß mit seinem Sohn Dilberin machen? Ihn alleine lassen? Kurzerhand vertraut er den Neunjährigen den Reportern an, die ihn zu seiner Mutter Jehan ins Zeltlager des türkischen Katastrophenschutzes in der Nähe von Suruç bringen. Die meisten Flüchtlinge wollen nicht ins Zeltlager der Regierung. Es geht das Gerücht um, dass die Türken die Flüchtlinge nicht mehr aus dem Lager lassen, wenn sie einmal drin sind. "Als gäbe es da drin ein Monster. Ich verstehe das nicht", sagt ein Soldat, der das Zeltlager bewacht. Nur etwa 200 Flüchtlinge seien im Lager. Er schüttelt verständnislos den Kopf. Der Soldat hat vermutlich verdrängt, dass hier bis vor Kurzem ein offener Krieg zwischen dem türkischen Staat und der PKK herrschte. Zehntausende Soldaten, kurdische Kämpfer und Zivilisten verloren dabei ihr Leben.

Und plötzlich spricht der türkische Staat von "kurdischen Brüdern" und setzt sich als Helfer der Flüchtlinge ins Szene. Im Fernsehen sieht man, wie ein türkischer Soldat einer alten Frau die Hand küsst, die über die Grenze kommt, man sieht türkische Polizisten, die Flüchtlingen helfen, ihre Sachen zu tragen. Nur das Misstrauen der Kurden sieht man nicht.

Auch Jehan ist mit ihren Kindern schließlich lieber zu Bekannten in Suruç gegangen. Wie viele andere haben auch sie den Flüchtlingen ihre Tür geöffnet, die Nacht auf Freitag haben sie zu zehnt in einem Raum verbracht. Die Gastgeber nehmen kein Geld an und servieren abwechselnd Aprikosensaft und Tee. Jehan und ihre Familie wollen weiter nach Birecik, etwa 40 Kilometer von Suruç entfernt. Sie haben einen Raum gefunden, zur Miete, 100 Lira pro Monat. Dort wollen sie auf Hamo, Ferman und Rojda warten. Jehan raucht eine Zigarette nach der anderen, das Handy immer in der Hand. "Wir haben so lange ausgeharrt, wie wir konnten. Aber als es hieß, dass der IS vor der Stadt steht, sind wir geflohen", sagt Jehan. Rojda habe entschieden, sich der PYD anzuschließen, nachdem mehrere ihrer Freunde bei Kämpfen gestorben seien, darunter ein Klassenkamerad. "Ich kann hier nicht mehr herumsitzen, während meine Freunde sterben. Entweder gehe ich mit eurer Erlaubnis, oder ich haue ab", habe sie gesagt. "Ihr Vater und ich sagten, dass das ein Krieg sei und sie sterben könnte. Oder Schlimmeres. Aber ihr Entschluss stand fest. Wir haben sie selbst zur PYD gebracht", sagt Jehan und fängt an zu weinen.

Als hätte sie den Schmerz der Mutter gespürt, ruft Rojda plötzlich an. Einfach so, das erste Mal nach drei Monaten. Jehan schreit: "Meine Tochter, meine Tochter, ich opfere mich für dich, bitte komm, komm zu mir!" Rojda sagt, dass der IS kurz vor Kobani stehe. Sie habe gerade mit ihrem Vater Hamo telefoniert, der sie an die Grenze bringen wolle. "Aber wenn Vater nicht bald kommt, werde ich es nicht schaffen." Sie ist schwer erkrankt und kann nicht mehr kämpfen. Ihre Kommandeure haben sie freigestellt.