Kurt Gödel war nicht nur ein genialer Mathematiker und ein weltberühmter Logiker, sondern auch ein Metaphysiker – und das, obwohl er im Wiener Kreis sozialisiert wurde, der sich der Abschaffung der Metaphysik verschrieben hatte. Man sollte meinen, das wäre Grund genug, Gödels philosophische Schriften der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In Wahrheit aber ist seine Philosophie nicht einmal vollständig transkribiert, und wenn es nach der derzeitigen Forschungspolitik und den geltenden Förderrichtlinien geht, dann wird es dabei bleiben. Das philosophische Denken eines großes Gelehrten bleibt weiterhin unzugänglich. Und das ist ein Skandal.

Kurt Gödel, 1906 in Brünn geboren, hatte in der Schule einen Stenografiekurs belegt, um die deutsche Kurzschrift Gabelsberger zu erlernen. Auch die 16 Arbeitshefte seiner Philosophischen Bemerkungen, die immer noch unveröffentlicht im Shelby White and Leon Levy Archives Center der Universität Princeton liegen, sind in dieser Kurzschrift geschrieben. Dabei handelt es sich nicht um gedankliches Rohmaterial, im Gegenteil: Die Arbeitshefte enthalten vielmehr eine unabschließbare rationale Metaphysik, die Gödel zum gemeinsamen Fundament für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen machen wollte – von den Natur- über die Geistes- bis hin zu den Sozialwissenschaften.

Gödel beginnt seine Aufzeichnungen, wie damals nicht unüblich, zunächst als eine Art philosophische Notiz- und Tagebücher. Auch sein Landsmann Ludwig Wittgenstein führte philosophische Tage- und Notizbücher, doch anders als dieser ordnete Gödel seine Gedanken nach Stichwörtern, die eine disziplinäre Zuordnung erlauben, wie etwa: "Bemerkung Grammatik", "Philologie", "Psychologie", "Moral", "Physik" oder "Theologie". Gödel entwickelt darin unter anderem eine Korrespondenztheorie der Wahrheit, er denkt darüber nach, wie sich Mensch und Tier unterscheiden, und stellt philosophische Überlegungen zur Zeit an. Brisant an seinen Bemerkungen ist, dass er damit in Opposition zum Wiener Kreis steht, dem einflussreichsten philosophischen Zirkel seiner Zeit, an dessen Zusammenkünften er regelmäßig teilgenommen hatte. Rudolf Carnap, Moritz Schlick, Karl Menger, Otto Neurath und Hans Hahn waren dort die führenden Denker, und alle waren davon überzeugt, dass die Epoche der abendländischen Metaphysik abgelaufen sei. Man könne Philosophie fortan wie eine Naturwissenschaft betreiben und damit empirisch sinnlose metaphysische Sätze hinter sich lassen.

Genau dieses Programm lehnte Kurt Gödel ab, und auch der Materialismus oder Carnaps Verständnis von Mathematik als "Syntax der Sprache" blieben ihm fremd. Stattdessen arbeitete er an einer "rationalen Metaphysik", deren Erkenntnis- und Begründungsinteresse über das der Naturwissenschaften und deren Gegenstandsbereiche hinausgeht. Die Ausleihzettel der Wiener Bibliothek belegen, wie intensiv er sich schon Anfang der dreißiger Jahre sowohl mit der neuesten Philosophie (Bertrand Russell, Rudolf Carnap, Moritz Schlick) beschäftigte wie mit der Geschichte der Philosophie insgesamt. Gödel wusste nur zu genau, dass sein Denken dem Zeitgeist widersprach, und so wollte er in seinem Gegenentwurf zum Wiener Kreis zeigen, dass sinnvolle Sätze nicht auf empirische einzuschränken sind und sich Mathematik nicht auf logische Syntax reduzieren lässt.

Mit einem Wort: Gödel wehrte sich dagegen, dass Philosophie nichts anderes sein sollte als eine "Collage" von Ergebnissen aus anderen Disziplinen. Für ihn ging es vielmehr um den Sinn des Lebens, der Welt und des Seins; Gödel wollte die Stellung des Menschen in der Welt nicht nur erklären, er wollte sie verstehen. Allerdings: Die Unerschöpflichkeit der Mathematik lässt sich beweisen, in der Philosophie ist das nicht so einfach möglich. Die Unerschöpflichkeit des Denkens benötigt andere Unterstützer, und Gödel fand sie in den großen Philosophen, von Aristoteles, Thomas von Aquin, Leibniz, Kant und Hegel bis hin zu Frege und Russell.