Die Postbeamten stehen noch verschlafen zwischen den Rollbändern, Postsäcken und Metallkäfigen, als Norbert Ruse seine erste Runde durch die Lagerhalle im Postverteilerzentrum in Wien-Liesing dreht. "Santo Domingo", "Bucarest", "Sydney" steht auf den Schildern am Ende der Halle. Ruses Blick verharrt auf den Paketen, die sich darunter stapeln. Rund 25.000 von ihnen kommen Woche für Woche in dem Postverteilerzentrum an der Peripherie von Wien an. Ruse mustert die Sendungen wie ungebetene Gäste und sagt: "In jeder Sendung könnte verbotene Ware stecken."

Die Aufgabe des Zollbeamten Ruse ist es, die schwarzen Schafe unter den braunen Päckchen zu erkennen und aus dem Verkehr zu ziehen. Zwanzig Zollbeamte und rund vierzig Mitarbeiter der Post unterstützen ihn dabei. Jede zehnte Sendung, die von außerhalb der EU kommt, wird von den Beamten geöffnet und genauer unter die Lupe genommen. "Beschauquote" nennt Ruse das. Wer beim Absenden eines Pakets eine Zollerklärung unterschreibt, erklärt sich mit dieser Nachschau einverstanden. Was die Beamten bei ihren Kontrollen finden, stapelt sich in den Metallkäfigen neben den Fließbändern: gefälschte Schuhe von Gucci, gefälschte Handtaschen von Louis Vuitton und Unmengen an Tabletten.

Der Kampf gegen Produktpiraterie hat sich längst zum Hauptaufgabengebiet des österreichischen Zolls entwickelt. Rund 100.000 gefälschte Artikel haben die Beamten im vergangenen Jahr abgefangen. In Originalwaren umgerechnet, ergibt das einen Wert von mehr als 5,5 Millionen Euro. Wurden früher vor allem Luxusartikel gefälscht, reicht das Sortiment mittlerweile vom Parfum bis zum Sportschuh. Die größte Gruppe der gefälschten Artikel ist zugleich die gefährlichste: Medikamente. Jede vierte Fälschung, die der Zoll aus dem Verkehr zieht, entstammt dieser Sparte. In kaum einem Land der Europäischen Union kommen so viele Medikamentenimitate an wie in Österreich. 2007 entfiel rund die Hälfte der europaweit aufgegriffenen Medikamentenfälschungen auf Österreich. 2012 war es knapp ein Fünftel.

Dass die Menge der gefälschten Produkte in Österreich insgesamt leicht rückläufig ist, beruhigt die Zollbeamten nur wenig. Denn mit den Kontrollen stieg auch die List der Fälscher. Erst vor wenigen Wochen zerschlug Interpol einen Ring von Medikamentenfälschern in fünf EU-Ländern. Für den Vertrieb sollen die zwölf verhafteten mutmaßlichen Händler sogar Callcenter in mehreren Sprachen betrieben haben. Pillen, die meisten waren Potenz- und Diätmittel, im Wert von rund zehn Millionen Euro stellte die Polizei sicher. Zentrum der Verhaftungen war wieder einmal Wien. Ausgerechnet im Nobelhotel Bristol feierte die Bande, ehe die Polizei zuschlug. Hergestellt wurde die brisante Ware in China und Indien.

Nicht erst seit diesem Aufgriff kontrollieren Ruse und seine Kollegen Sendungen aus diesen Ländern deshalb besonders intensiv. "Manche Fälscher machen es uns auch leicht", sagt der Zollbeamte und blickt auf eines der Päckchen, als dessen Absender eine chinesische Firma angeführt ist. Die angeheftete Zollerklärung weist die Sendung als "Geschenk" aus. Ruse blickt skeptisch auf das Päckchen und reicht es weiter an den Zollbeamten neben ihm. Der schneidet das Paket auf, zieht zwei Ampullen mit blauen Tabletten heraus und hält sie ins Licht: "Viagra", sagt er triumphierend und legt die Medikamente neben die Gucci-Schuhe, die er aus dem vorherigen Päckchen geholt hat.

Der freie Warenverkehr in der EU ist für den Handel mit nachgemachten Waren ein Segen

Um die Beschauquote niedrig und die Aufgriffe trotzdem hoch zu halten, haben die Zollbeamten längst ein Gespür für Feinheiten entwickelt. Geschult sind sie dabei vor allem auf zwei Kürzel: CP72 und CN 22, die internationalen Bezeichnungen für die Zollerklärung. Allen Päckchen und Briefen, die eine Ware enthalten, muss diese Erklärung über Inhalt und Wert beigeheftet sein. Stimmt der Wert nicht mit dem angegebenen Inhalt überein, oder enthält das Formular bestimmte Reizwörter, fischt Ruse das Paket aus dem Haufen. "Wenn auf dem Formular Vitamins oder Health Product angegeben ist, muss ich nicht lange zögern", sagt er und greift einen dieser Kandidaten vom Stapel. Sein Kollege vom Zoll zückt abermals das Stanleymesser und öffnet das Paket. Es ist bereits der zweite Tablettenfund an diesem Morgen.

Später werden die aufgefundenen Produktimitate in einen der Käfige in der Halle wandern. Der Empfänger wird statt der gewünschten Lieferung Post von der Post bekommen. Nachgemachte Medikamente werden prinzipiell nicht zugestellt. Bei gefälschten Produkten verständigen die Beamten den Inhaber der Markenrechte und den Empfänger. Stimmt Letzterer der Vernichtung seiner Bestellung zu, entgeht er zumeist der Strafverfolgung.