Jonoun ist erst zwei Wochen in Berlin. Die amerikanische Jüdin mit einem Master in New Media Art konnte Williamsburg nicht mehr bezahlen, seitdem sie von einem älteren Professor geschieden wurde. Bei ihrem Job als Thekenkraft verfällt sie unvermittelt einem feenhaften Wesen, der Ballerina Leyla. Aufgewachsen in Baku unter der fürsorglichen Strenge einer Ballettomanin, durchlief sie den Drill der Bolschoi-Akademie, litt Entbehrungen und Schmerzen, um einmal "ein Schneeflöckchen im Nussknacker" zu tanzen. Als Jonoun ihr verfällt, ist Leyla in Begleitung ihres Ehemannes Altay, Muslim, Mediziner, Schwimmerfigur. Und homosexuell, genau wie Leyla.

Jonoun, Leyla und Altay sind die Pfeiler der Dreiecksgeschichte, die Olga Grjasnowa in ihrem zweiten Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe erzählt. Auf den ersten Blick bemüht die Autorin mit dieser internationalen Ménage-à-trois im Berghain-Berlin einmal mehr die Erzählung von der deutschen Hauptstadt als libertärer Spielwiese für nach allen Seiten offene Lebensentwürfe. Allerdings ist dieser komplexe, personengetragene Liebeshandel weitaus vertrackter.

Mit einem Trauschein gaben Leyla und Altay sich gegenseitig Deckung, damals, im repressiven Klima des postsowjetischen Russlands. Altay sah tagtäglich auf der psychiatrischen Station den sogenannten Abschaum der russischen Gesellschaft vor die Hunde gehen. Und auch Leyla war verwirrt, dass ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Mitschülerin unnatürlich und deswegen falsch sein sollten, wo doch die formvollendeten Verrenkungen im Ballett unnatürlich und gerade deswegen schön waren. Vorsichtig richteten sich beide ein in dieser Zweckehe, löffelten sich zum Einschlafen bald an den anderen, bis die Nähe sich so weit erotisierte, dass sie miteinander schliefen.

Ein bisschen bekannt klingt die Geschichte. Denkt man die Homosexualität weg und siedelt die Handlung im deutschtürkischen Milieu an, ist man bei Fatih Akins Gegen die Wand. Was nicht heißen soll, dass Die juristische Unschärfe einer Ehe sich in der Variation des Themas Scheinehenliebe erschöpft, dafür hat Grjasnowa der Figur des Eindringlings, Jonoun, zu viel Fleisch angeschrieben. Vielmehr sind die emotionalen Untiefen der Polyamorie Gegenstand dieses Romans. Endlich der russischen Homophobie entkommen, wollen Altay und Leyla in Berlin ihr Begehren leben. Jeweils, aber auch miteinander. Obwohl sie nicht an die Exklusivität der Liebe glauben, empfinden sie doch Besitzansprüche. Vor allem Altay will die chaotische Jonoun weder in seiner Ehe noch in der Wohnung. Leylas Freundin bekommt von ihm morgens keinen Kaffee und muss ihre Socken auch mal aus dem Biomüll kramen. Erst in der zweiten Romanhälfte, das Liebesexperiment in Berlin ist bereits Geschichte, raufen sich Leylas Partner zusammen, um sie aus einem aserbaidschanischen Gefängnis zu bekommen. Dieser zweite, atmosphärisch straffere Teil im Petroleumgeruch Bakus, wo sich kennengelernt, entliebt und neu verliebt wird, nimmt das Buch endgültig aus der Sparte Berlinroman.

Grjasnowa erzählt diesen Versuch einer Liebe jenseits von Sexualität und Geschlechtergrenzen mit Bedacht. Ihr Stil ist das Gegenteil zum Überschwang, mit dem Hubert Fichte die Freiheit der Liebe besungen hat. Die stark verdichteten, berührenden Sätze sind nah an den Figuren. Dass Grjasnowa ihren verwirrenden Liebesreigen nicht entwirrt, ist kein Makel, sondern folgerichtig bei einer solch ungewöhnlichen Liebe.