DIE ZEIT: Herr Brenke, läuft die Ost-Wirtschaft?

Karl Brenke: Ja, und zwar besser, als Sie vielleicht vermuten würden. Ostdeutschlands Industrie befindet sich inzwischen auf gutem EU-Niveau.

ZEIT: Was heißt das?

Brenke: Dass die Wertschöpfung je Einwohner hier zwar geringer als in Westdeutschland ist. Jedoch: Es ist kein fairer Maßstab, wenn man als Aufsteiger immer an einer der stärksten Volkswirtschaften gemessen wird. Man sollte den Osten lieber mit Frankreich vergleichen. Wir wissen inzwischen: Die Ost-Industrie liegt knapp hinter der in Italien, aber deutlich vor Frankreich oder Großbritannien. Frankreich hat eine De-Industrialisierung erlebt, der Osten eine Re-Industrialisierung.

ZEIT: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, an dem Sie beschäftigt sind, legt zum Einheitsfeiertag eine Studie zur wirtschaftlichen Situation Ost vor, in der das erläutert wird.

Brenke: Ja. Wir haben in Ostdeutschlands Industrie eine Wirtschaftsleistung von 3.400 Euro pro Einwohner. Frankreich kommt auf 2.900 Euro, Großbritannien auf 2.600. Jede andere Region, die einen vergleichbaren Aufstieg geschafft hätte wie Ostdeutschland, würde man in den Himmel loben. Aber natürlich ist längst nicht alles gut.

ZEIT: Was ist noch schlecht?

Brenke: Die Produktivität im Osten steigt nur noch im Schneckentempo. Sie ist in fast jedem Wirtschaftszweig geringer als im Westen, weil es an den Top-Jobs mangelt, die am besten bezahlt werden. Die sind eher im Westen.

ZEIT: Geht es auch ohne Soli?

Brenke: Das sehe ich entspannt. Der Osten überlebt auch so. Die neuen Länder haben die Mittel allzu häufig dafür verwendet, Unternehmen großzügig zu fördern. Wenn solches Geld fehlt, wird sich schneller zeigen, ob eine Geschäftsidee tragfähig ist. Und ihren Hauptzweck – die Infrastruktur auf ein Top-Niveau zu bringen – haben die Soli-Zahlungen ohnehin erfüllt. Das Image des rückständigen Ostens gilt nicht mehr. Die Flasche ist nicht halb leer. Die ist zu drei Vierteln voll.