Bis vor einigen Jahren – mittlerweile ist das selten geworden – traf man in den betriebsamen Wintersportdörfern der Alpen alte Männer, meistens durch Zufall und nie in der unmittelbaren Nähe der Touristen. Es waren Einheimische, doch sie gehörten nicht zu den aufgekratzten Dienstleistern des Ortes. Ihre Rolle im Dorf blieb unklar, sie waren schäbig gekleidet, und die Aura freudloser Muße umgab sie. Es waren keine Ausgestoßenen, wahrscheinlicher ist, dass es sich um die Verlierer des Tourismusgeschäfts handelte, zu gebrechlich, zu unwillig, zu einsiedlerisch, kurz: An ihrem Anblick ahnte der Fremde, dass auch dieses Idyll eine dunkle Seite hatte.

Ein solcher Kauz war Andreas Egger. Er kannte nicht einmal sein genaues Geburtsdatum. Er war ein uneheliches Malheur, und seine Mutter gab ihn früh in eine Bauernfamilie ab, in der auch die eigenen Kinder nicht viel mehr galten als das Vieh. Seit einem Unfall hinkte er. Nur seiner Kraft, nur seinem ungebrochenen Überlebenswillen war es zu verdanken, dass er in seiner Kindheit nicht starb. Und sein weiteres Dasein meisterte. Denn viel Schönes, eine Art Belohnung für Mühen, Schmerzen, Demütigungen, war ihm nicht vergönnt. Eine Frau heiratete er, sie kam bei einem Lawinenabgang ums Leben. Aber Egger verzweifelte nicht, er wurde Arbeiter beim Skiliftbau in den Dreißigern, musste in den Krieg ziehen und verbrachte endlose Jahre in einem sowjetischen Lager. Danach machte er einfach weiter, er tat es, weil er bis ins Alter schleppen und wuchten konnte. Irgendwann war er dann einer der Zausel, die am Ortsrand hausen. Er gehörte irgendwie noch dazu, aber am neuen Wohlstand nahm er keinen Anteil mehr. Er starb, doch er ging versöhnt.

Diesem Mann, diesem Geringen, dessen Leben und dessen Meinungen sich kaum für die große Literatur zu eignen scheinen, hat Robert Seethaler einen Roman gewidmet. Es ist ein schmales Buch, aber es umfasst eine ganze Existenz. Es ist, obgleich es seinen Helden weder erhöht noch seine Umstände glorifiziert, ein überaus poetisches Buch. Schroff und zart. Ein Buch der Würde und des Achtgebens aufs Marginale. Dass man es nicht mehr aus der Hand legt, nachdem man die ersten Seiten gelesen hat, ist ein Zeichen, dass Literatur nicht am spektakulären Stoff hängt. Heute muss man daran erinnern.

Nicht der geringste Vorzug dieses Romans ist, dass er eine Form hat. Auch das ist heutzutage erwähnenswert. Strikt personal ist dieses Erzählen, es ruft die Welt eines Menschen auf, der mit seinem Dasein schon genug zu tun hat und sich über die Dinge, also das Leben und den Tod, die Interessen der Zeitgenossen und die Liebe der Frauen, keinerlei originelle Gedanken macht. Sondern sie empfindet und in eine Ordnung bringt, die ihm gemäß ist. Folglich ist Seethalers Sprache einfach, aber seine Sätze sind makellos. Sie haben Rhythmus und in mehr als einem Sinn Takt. Dieses Buch steht in der Tradition nicht des schlechtesten Strangs österreichischen Erzählens. Dieses Erzählen kommt von dort, wo die Welt nicht schon behaglich mit Sprache eingerichtet ist wie ein Salon, sondern durch Worte gleichsam errungen werden muss. Der Klang des Schnees, die Verzweiflung eines alten, bösen Bauern, der nicht sterben kann, der abgerissene Arm eines Holzfällers neben den Splittern einer hohen Fichte – dafür gibt es kein eingeführtes Beschreibungsregister. Seethaler hat sich auf die Suche nach den richtigen Worten gemacht – und er hat sie gefunden.