Die wohl größte Schwierigkeit im Umgang mit Russland ist folgende: Russland lügt. Diese pauschale Behauptung klingt wie ein Slogan des Kalten Krieges, und zugleich ist sie die einzige, die der Realität gerecht wird. Als ich nach dem Zerfall der Sowjetunion meine ersten Zeitungsartikel schrieb, vermied ich stets den Reporterjargon "Moskau will", "der Kreml behauptet". Wenn ich damals las: "Die Russen überfallen Tschetschenien", musste ich an meine Freunde in Moskau denken, und es kam mir ungefähr so zutreffend vor wie Ronald Reagans Spruch vom "Reich des Bösen". Heute schreibe ich nicht nur, dass mein Geburtsland ein Reich der Lüge geworden ist. Russland selbst ist eine Lüge.

Das Lügen beginnt bei simplen Fakten. Erst hieß es, es gäbe keine russischen Soldaten auf der Krim, dann gibt es sie wohl. Erst gab es sie nicht in der Ostukraine, dann doch, aber sie hätten sich dorthin verlaufen, nein, sie machten dort bloß Urlaub, und sie wollen sowieso nur Frieden. Das klingt wirr, ist aber Strategie.

Als Instrument der Politik ist die Lüge besonders effektiv, wenn sie nicht mit einer Selbsttäuschung einhergeht. Die politische Lüge ist nur dann Lüge, wenn der Lügner selbst nicht an sie glaubt. An Putins Lügen glauben allein seine Versteher und Unterstützer im In- und Ausland. Versucht man, auch nur ein Körnchen Wahrheit im russischen Lügengebilde zu finden, wird man zum "nützlichen Idioten" des Kremls. Etwa wie eine bekannte Russlandkennerin im deutschen Fernsehen. Erst wiederholte sie die Lüge Putins, er habe keine Soldaten auf die ukrainische Krim geschickt. Dann hielt sie auch daran fest, nachdem Putin eingestanden hatte, es wären doch seine Soldaten. Moskau widerlegt die eigenen Lügen gerne mal selbst, sobald sie ihm nicht mehr nützen. Wie seine nützlichen Handlanger dann dastehen, ist dem Kreml egal. Er weiß, sie werden sich schon eine Rechtfertigung zurechtbasteln.

Wer ist stark genug, seine Wahrheit dem Gegner aufzuzwingen?

Das Regime bedient sich meist der Lügen, die schon lange in den obskursten Ecken der russischen Gesellschaft herumschwirren. Alte Lügen wirken besser, wie etwa die Nato-Lüge. Sie besagt, dass der Angriffsblock das Vaterland immer enger einkessele. Andere Lügen werden neu erfunden und von Putins Freunden in Ost und West nacherzählt: Die Ukrainer seien Faschisten, und die Russen müssten ihre Heimat wie schon im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten verteidigen.

Die Freunde der russischen Autokratie missverstehen die Politik des Lügens. Der Kreml legt es nicht wirklich darauf an, dass man seine Lügen glaubt. Putin siegt, wenn andere Regierungschefs die Lügen unwidersprochen stehen lassen. Sicher weiß Putin, dass ihn zumindest einige Politiker durchschauen. Hauptsache: Sie nennen den Betrug nicht Betrug, die Invasion nicht Invasion und einen hybriden Krieg nicht Krieg. Dabei ist es für den Kreml zweitrangig, welches Motiv seine Kontrahenten haben: Sei es die Angst vor russischen Atomwaffen oder der Pazifismus ihrer Wähler. Sobald die Wahrheit nicht mehr gegenwärtig ist, siegt die Lüge.

"Versuch, in der Wahrheit zu leben", dazu haben die Andersdenkenden im Realsozialismus aufgerufen, Alexander Solschenizyn 1974 und vier Jahre später Václav Havel. Aus ihrem Wahrheitsanspruch entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks ein Führungsanspruch, und das kam bei der damals jungen Generation, die im Zeichen der Postmoderne aufwuchs und zu der auch ich gehörte, gar nicht gut an. Was hatten uns ein Solschenizyn mit seinem völkischen Russentum, was ein Wałęsa mit seinem Katholizismus zu sagen? Diese großväterlichen Weisheiten waren uns nicht einmal wert, dekonstruiert zu werden. Die Geschichte war zu Ende, und wir ritten auf der Welle der Postmoderne in den ewigen Frieden.

Es war eine neue schöne Welt der Diversität und Differenz, losgelöst von bindenden Werten in Denken und Politik, emanzipiert vom Diktat universeller Menschenrechte. Wir hörten Jürgen Habermas nicht zu, als er in der postmodernen Vernunftkritik eine neue Welle der Gegenaufklärung erkannte. Doch es dauerte nicht lange, bis unsere befreiende Postmoderne ihr politisches Zerrbild im Medienpopulismus eines Berlusconi fand, wie es der Philosoph Maurizio Ferraris in seinem Manifest des neuen Realismus schreibt, und dann in Putins Propagandastaat. Wladimir Putin ist ein noch besserer Postmodernist als sein italienischer Männerfreund. Putins Russland lügt, weil es aufrichtig und redlich glaubt, dass es sowieso keine Wahrheit gäbe. In der späten Sowjetunion glaubten weder Leute wie Putin noch solche wie ich an die kommunistischen Parolen. Als die Sowjetideologie verblich, begann aber gleich die Suche nach einer neuen "nationalen Idee" für die Massen. Die jüngste von diesen Ideen ist die orthodox-religiöse russische Welt. Die Chimäre des russischen Sonderwegs ist auf dem Mist der Blut-und-Boden-Ideologien des vergangenen Jahrhunderts gewachsen, und natürlich ist sie durch und durch konstruiert – hätte man früher gesagt. Heute sage ich einfach – erlogen. Putins Russland ist eine Lüge. Seine Untertanen glauben nämlich weder an Gott noch an Boden und Blut, sondern nur an die zwei Buchstaben, PR, Public Relations . Dieser Glaube besagt, dass alle Menschen käuflich sind, von Journalisten bis Politiker, von Russen bis Amerikaner. Niemand sagt die Wahrheit, und es zählt nur das, was als englischer Lehnbegriff auf Neurussisch "Pi-Ar" heißt. Es ist die wahre Wahrheit Russlands, und diese Wahrheit ist die Lüge.