Ausgerechnet Käse! Virginija Baltraitienė war noch nicht lange im Amt, aber was diese Entscheidung für ihr Land bedeuten würde, war der litauischen Landwirtschaftsministerin sofort klar. Am 7. August verkündete die russische Regierung, dass sie bis auf Weiteres bestimmte Agrarprodukte nicht mehr aus der EU einführen würde – als Reaktion auf die europäischen Wirtschaftssanktionen. Keine Milch, keine Früchte, kein Gemüse; auch Fleischprodukte seien künftig vom Handel ausgenommen, und eben Käse. "Das ist ein harter Schlag für Litauen", sagt Baltraitienė. Schließlich wurde bislang jeder dritte Käse, der in Litauen produziert wird, nach Russland exportiert.

Fast zwei Monate sind seit der Entscheidung aus Moskau vergangen, nach und nach werden die Folgen sichtbar. In Belgien kann man ein Kilo Birnen für 79 Cent kaufen, so günstig wie nie; in Polen werden Teile der Apfelernte vernichtet; in Litauen sind die Milchpreise um 30 Prozent gefallen. Was für viele Verbraucher gut klingt – sinkende Preise –, entwickelt sich in manchen Ländern zu einem Problem.

Dabei sind nicht alle EU-Länder gleichermaßen betroffen. Der russische Importstopp macht vielmehr Handelsströme sichtbar, die sonst weitgehend verborgen bleiben. Spanien etwa exportierte bislang sieben Prozent seiner Agrarprodukte nach Russland, vor allem Pfirsiche und Zitrusfrüchte. Die Niederlande verkauften im vergangenen Jahr für 257 Millionen Euro Käse, Quark und Butter nach Moskau oder Sankt Petersburg. Und aus Belgien wurden 120 000 Tonnen Birnen pro Jahr gen Osten geliefert. Nun fallen nicht nur in Belgien die Preise.

Am meisten trifft es Russlands Nachbarn, insbesondere die baltischen Staaten. Allein Litauen hat im Jahr 2013 Agrarprodukte im Wert von 1,3 Milliarden Euro nach Russland verkauft. Fast so viel wie Deutschland, dabei zählt das Land nur rund drei Millionen Einwohner. "Natürlich ist Russland wichtig für uns", sagt Rolandas Kriščiūnas, der stellvertretende Außenminister. "Wir leben nun mal in dieser Region und können uns unsere Nachbarn nicht aussuchen."

Rechnet man alle Produkte zusammen, die Russland vom Import ausgeschlossen hat, droht Litauen ein Verlust von rund 900 Millionen Euro im Jahr – mehr als jedem anderen Land der EU. Rolandas Kriščiūnas weist darauf hin, dass neben den Bauern noch eine zweite Branche leidet: die Logistikunternehmen. Denn Litauen ist auch ein Transitland. Tomaten, Aprikosen oder Nektarinen kommen per Schiff oder Flugzeug aus dem Süden und werden weitertransportiert – von litauischen Speditionen. Genauer gesagt: Sie wurden weitertransportiert. Seit dem 8. August ist die Grenze dicht.

Die Nachteile für die eigene Wirtschaft sind offensichtlich. Trotzdem gehört Litauen zu den EU-Ländern, die am entschiedensten auf Sanktionen gedrängt haben. Wäre es nach der Regierung in Vilnius gegangen, hätte die EU schon früher härtere Maßnahmen ergriffen. Auch von den Unternehmen und Landwirtschaftsverbänden gibt es kaum Kritik an der Sanktionspolitik, ganz anders als in Deutschland.

Aus Sicht der Regierung ist das nur scheinbar ein Paradox. Russland habe internationale Regeln gebrochen, als es die Krim annektiert habe, und damit die Sicherheit in der gesamten Region gefährdet, sagt Vizeaußenminister Kriščiūnas. "Aber ohne Sicherheit kann man keinen Handel treiben. Deshalb muss die Europäische Union mit allen Mitteln deutlich machen, dass sie das Verhalten Russlands nicht akzeptiert." Das Eintreten für Sanktionen, betont Kriščiūnas, sei eine durch und durch rationale Entscheidung: "Es geht um die Sicherheit, wirtschaftliche Fragen stehen an zweiter Stelle."

Landwirtschaftsministerin Baltraitienė sagt, die betroffenen Unternehmen hätten gewarnt sein können. Schließlich habe Russland bereits in den vergangenen Jahren mit wirtschaftlichen Schikanen reagiert, wenn die politische Situation angespannt gewesen sei. Erst im vergangenen Herbst hatten die russischen Behörden Lastwagen aus Litauen, die Milchprodukte nach Kaliningrad liefern wollten, die Einreise verwehrt, angeblich aus hygienischen Gründen. Trotzdem hätten manche Firmen nichts daraus gelernt, kritisiert Baltraitienė: "Einige von ihnen sind selbst schuld, dass sie Russland als Handelspartner gewählt haben."

Den betroffenen Unternehmen empfiehlt die Regierung, sich neue Märkte außerhalb Russlands zu erschließen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Milchprodukte wie Butter, Jogurt oder Frischkäse sind nicht endlos haltbar und können nicht beliebig weit transportiert werden. Kriščiūnas empfiehlt daher, "mehr Hartkäse statt Frischkäse" zu produzieren. Im Übrigen seien längst nicht alle Unternehmen von Russland abhängig.

Wenig Ausweichmöglichkeiten haben dagegen die Landwirte selbst. Um ihnen zu helfen, stellte die EU-Kommission bereits im August finanzielle Hilfen in Aussicht. Mit 155 Millionen Euro sollte der Markt für Früchte, Gemüse und Milchprodukte "stabilisiert" werden; nun kommen weitere 165 Millionen Euro hinzu. Um Überkapazitäten zu beseitigen, die durch den Ausfall Russlands als Exportmarkt entstehen, bezahlt die EU Bauern dafür, dass sie ihre Früchte entweder noch grün ernten, also unreif, und de facto vernichten. Oder sie kauft ganze Ernten auf, um sie kostenlos weiterzuverteilen: an Schulen, Krankenhäuser oder Wohltätigkeitsorganisationen. Käse oder Butter können von den Herstellern eingelagert werden; auch dafür bekommen sie von der EU Zuschüsse.

Weil die Hilfen schnell greifen sollen, hatte die EU-Kommission zunächst darauf verzichtet, nationale Quoten festzulegen. Nun kämpft sie mit den Folgen: Nicht nur die Landwirte und Hersteller, die tatsächlich nach Russland exportieren, haben Gelder beantragt. Auch aus Regionen, die bislang keine Wirtschaftsbeziehungen mit Russland hatten, gingen Hilfsanträge ein. Die europäische Agrarindustrie ist geübt darin, Subventionen abzuschöpfen. Die Kommission hatte die Antragsverfahren daher vorübergehend gestoppt. Anfang dieser Woche veröffentlichte sie eine Übersicht, welche Länder zuletzt wie viel Früchte und Gemüse nach Russland exportiert haben. An diesen Mengen sollen sich künftig die Beihilfen orientieren.

Die litauische Regierung nimmt den Einbruch der eigenen Agrarexporte vergleichsweise gelassen. "Wir haben schon größere Probleme überlebt", sagt Vizeaußenminister Kriščiūnas: "Etwas weniger Wachstum, das bringt uns nicht um."