Schulbücher gelten nicht unbedingt als fesselnde Lektüre. Und eigentlich erwartet das auch niemand. Schüler müssen sie ja lesen – egal, ob sie spannend sind oder nicht. Kirsten Krause hat trotzdem einen anderen Anspruch. "Das erste Kapitel muss rocken", sagt die Redakteurin des Schulbuch-Verlags Cornelsen. Wenn sie über den Anfang des Deutschbuches spricht, an dem sie gerade arbeitet, klingt es fast so, als plane sie einen Kriminalroman. Ihre Aufgabe ist allerdings anspruchsvoller als die mancher Krimischreiber. Die Leser sollen nicht nur unterhalten werden, sondern auch noch etwas lernen.

Um dem gerecht zu werden, sitzt Krause an einem Samstagmorgen im Juni mit ihrer Herausgeberin Andrea Wagener im Brahms-Saal des Kölner Hotels Mondial am Dom. 15 Lehrerinnen und Lehrer haben sich um den hufeisenförmigen Tisch verteilt. Jeder von ihnen hat ein Kapitel für das Deutschbuch geschrieben, das jetzt besprochen wird: Sind die Aufgaben zu schwer oder zu leicht? Ist die Theorie verständlich erklärt? Sind die Beispieltexte für die Schüler geeignet?

"Leben in Digitalien" heißt das erste Kapitel. Das Thema soll die Schüler abholen in ihrem Alltag zwischen Smartphone und Facebook. Es wird gestrichen und geschoben, umformuliert und redigiert. Aufgaben werden abgeändert, Beispieltexte fliegen raus. Ein ganzes Wochenende lang diskutieren die Lehrer über ihre Texte. Bei der Entstehung eines Schulbuchs sind Konferenzen wie diese allerdings nur ein kleiner Teil – von der Konzeptionsphase bis zum endgültigen Druck können bei Cornelsen bis zu drei Jahre vergehen.

Diese Arbeitsweise könnte sich in Zukunft ändern. Auch die Schulbuchverlage stellen sich auf das "Leben in Digitalien" ein. Wie die Literatur- und Zeitungshäuser sehen sie sich neuen technischen Möglichkeiten und neuen Gewohnheiten der Mediennutzung gegenüber. Die Fragen, die sie umtreiben, lauten: Wie viel davon macht man sich zu eigen? Wie sehr muss man mit der Zeit gehen? Wo liegen die Chancen der Digitalisierung für Schüler – und wo ist sie schlicht nicht rentabel?

Bei Cornelsen ist der Umbruch in vollem Gange. Er bedeutet vor allem: ständige Aktualisierung. "Ein Buch ist irgendwann fertig, es ist ein abgeschlossenes Produkt", sagt Christine Hauck, Bereichsleiterin New Business, die das Digitalgeschäft bei Cornelsen verantwortet. "Das geht im Digitalen nicht." Umgekehrt heißt das aber auch: Das Unterrichtsmaterial kann mit der Zeit gehen, nicht nur im Rhythmus mehrerer Jahre, sondern von Monaten, sogar Wochen.

Der Verlag hat eine Lernplattform entwickelt, auf der neben den digitalen Kopien der Schulbücher auch aktuelle Zusatzinhalte für Lehrer abrufbar sind. So könnten zum Beispiel aktuelle Berichte und Analysen zur Ukraine-Krise als Zusatzmaterial für ein Politik- oder Erdkundebuch geliefert werden, ohne dass das Buch direkt verändert werden muss. "Wir haben eigens Autoren, die die Bücher genau kennen und sich nur um aktuelle Inhalte kümmern", sagt Hauck.

Bald schon sollen die meisten Bände des Verlags in der Onlineplattform zu finden sein. Von Lehrern wie Schülern lesbar und auf jeder Seite mit passenden Zusatzmaterialien aufgewertet. Dort könnten sich in Zukunft auch Lernvideos des Anbieters Sofatutor finden, in den Cornelsen gerade 3,5 Millionen Euro investiert hat. Insgesamt fast 10 Millionen Euro seien bislang in die Digitalisierung der Schulbücher geflossen, heißt es beim Verlag. Alle Strukturen sollen darauf ausgelegt werden – von der Konzeption der Bücher über Designelemente wie Videos bis hin zur möglichen Präsentation auf digitalen Tafeln in den Schulen.

Die zunehmende Digitalisierung, das zeigt das Beispiel Cornelsen, wird die Art und Weise, wie Schulbücher entstehen, verändern. In Ansätzen merkt man das auch schon in der Konferenz in Köln. Kirsten Krause, die zuständige Redakteurin, muss sich zum Beispiel nicht mehr nur die Bildrechte für das gedruckte Buch, sondern auch für die Onlinenutzung sichern.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wird hier aber noch in Papier gedacht. Das Buch soll trotz der Digitalisierung das Leitmedium bleiben. Die Themen der Kapitel richten sich nach dem Lehrplan, diesem kleinen Heft, in dem in bestem Bürokratendeutsch steht, was ein Schüler in der zehnten Klasse heute können muss. Der Lehrplan liefert das Skelett, in Konferenzen wie in Köln kommt dann das Fleisch an die Knochen. Für ein Lernziel wie "Die Schüler verstehen komplexe Sachtexte" müssen die Autoren passende Artikel aus Zeitungen oder Essays auswählen. Noch ähnelt das Schulbuch der Zukunft deshalb verdächtig dem Schulbuch der Gegenwart. "Die Verlage bieten derzeit im Bereich der Lernmittel, die ein ganzes Schuljahr begleiten, nur ihre gedruckten Bücher im PDF-Format an", sagt Bernadette Thielen von der Medienberatung des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen.

Das ist ihr zu wenig. "Digitale Schulbücher sind besonders sinnvoll, wenn sie die digitalen Möglichkeiten voll ausnutzen", sagt die Pädagogin. In vielen Fächern könnte der Unterricht damit anschaulicher werden: In Deutsch hört man den Autor seine Texte vorlesen, in Geschichte sieht man die Originalszenen eines historischen Ereignisses als Filmausschnitte, und in Biologie fährt man mit einer Kamera durch den menschlichen Körper.

Wie genau digitale Schulbücher aussehen müssen, damit sich die Umstellung von der Papiervariante auf die elektronische überhaupt lohnt, damit beschäftigt sich ein Forschungsprojekt, das Bernadette Thielen gerade betreut. Die Rückmeldung der Lehrer sei größtenteils positiv, sagt sie. Das gilt allerdings nicht für die gesamte deutsche Lehrerschaft. Ein großer Teil reagiert noch skeptisch auf die digitalen Neuerungen, zeigte eine Studie der Telekom-Stiftung im vergangenen Jahr. Die Hälfte der befragten Lehrer war der Meinung, digitale Medien sollten eine geringere Rolle als bisher im Unterricht spielen.

Aufgrund dieser Technikskepsis haben die deutschen Verlage lange Zeit gute Geschäfte mit den gedruckten Büchern gemacht. Sie kennen ihre Kunden an den Pulten. "Wenn man den Lehrern jetzt das Schulbuch wegnehmen würde, gäbe es bei mindestens 80 Prozent einen großen Aufschrei", sagt der Cornelsen-Geschäftsführer Alexander Bob. Deshalb will der Verlag die Lehrer behutsam in die digitale Welt führen. Wer für ein Cornelsen-Buch bezahlt, bekommt die digitale wie die gedruckte Version. Niemand soll sich für eine Version entscheiden müssen. Denn die Lehrer sind es, die am Ende darüber bestimmen, ob ein Buch erfolgreich ist oder nicht.