Du singst dein eigenes Lied, Pumpkin, und du tanzt nach deiner eigenen Melodie", sagt der Onkel über seine Nichte Candice Phee. "Du bist schräg drauf, nicht wahr?", sagt ein Junge in der Schule. "Ich bin ich", sagt Candice selbst. Die zwölfjährige Hauptfigur in Barry Jonsbergs Roman Das Blubbern von Glück ist anders – und dabei ganz sie selbst.

Candice, die mit ihrer Familie in der Nähe der australischen Stadt Brisbane lebt, tut alles, was sie tut, mit heiligem Ernst. Das hat oft eine verblüffende Komik. Wir lachen über Candice und ihre Handlungen, aber wir lachen sie nicht aus. Vielmehr sind wir überrascht von ihrer Zielstrebigkeit, ihrer Klarheit und ihren seltsamen, aber durch und durch logischen Gedankenketten. Und von ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit.

Dabei hätte sie allen Grund, sich die Welt schönzureden oder sich selbst und anderen etwas vorzulügen: Ihre kleine Schwester Sky ist vor Jahren als Baby gestorben. Die Mutter bekam Brustkrebs und wurde depressiv. Der Vater zerstritt sich mit seinem Bruder – mit dem er eine gemeinsame Softwarefirma hatte – und muss seitdem Computer reparieren, wohingegen der Bruder Millionär wurde. Und Candice wurde – anders.

Obwohl Candice auch beim Sprechen genau und geradezu druckreif formulieren kann, redet sie nicht gerne. Lieber schreibt sie Zettel, zumindest wenn sie die Menschen noch nicht gut kennt. Und sie mag es, wenn die Dinge ihre Ordnung haben, wenn zum Beispiel alle Stifte in ihrem Federmäppchen in die gleiche Richtung zeigen. Candice versucht so, der Welt eine Ordnung zu geben, sie zu verstehen. Ihr Lieblingsbuch ist das Wörterbuch. Sie liest täglich darin.

Passend dazu hat Barry Jonsberg das Buch wie eine Art alphabetische Autobiografie aufgebaut – der englische Originaltitel lautet My Life as an Alphabet. Wir lesen Candice’ Geschichte, weil ihre Englischlehrerin, Miss Bamford, den Kindern die Aufgabe gibt, 26 Kapitel über ihr Leben zu schreiben, für jeden Buchstaben eins.

Candice beginnt mit "A steht für Aufsatz" und endet mit "Z steht für Zeitenwende". Dazwischen gibt es Kapitel wie "H steht für Hoffnung" und "N steht für Nah-Tod-Erfahrung". Denn Candice lässt nichts aus bei dem Versuch, ihre Familie, die zu zerbrechen droht, vielleicht schon zerbrochen ist, wieder zusammenzubringen. Auch wenn das bedeutet, fast zu ertrinken, damit ihr Vater und ihr ROB ("reicher Onkel Brian") bei dem gemeinsamen Versuch, sie zu retten, wieder zueinanderfinden.

Überhaupt versucht dieses Mädchen, die Menschen glücklich zu machen. Manch einer würde dafür immer das tun, was andere von ihm erwarten. Aber Candice ist eben anders. Sie versucht nicht, es allen recht zu machen, sondern das Richtige zu tun. Sie schenkt zum Beispiel Miss Bamford, ihrer Lieblingslehrerin, eine Piraten-Augenklappe, weil diese ein Auge hat, das "unkontrollierbar hin und her schießt wie ein angestochener Luftballon". Sie überreicht ihr die Augenklappe im Lehrerzimmer und sagt: "Wenn Sie sie aufsetzen würden, könnte niemand mehr Ihr wanderndes Auge sehen. Außerdem würde es Ihnen eine gewisse Ausstrahlung verleihen. Düster, vielleicht sogar romantisch. In jedem Fall würde es eine geheimnisvolle Aura schaffen. Und wer würde es wagen, eine düstere, romantische, geheimnisvolle einäugige Lehrerin zu hänseln? Ich jedenfalls nicht."

Nicht immer kommen ihre Beglückungspläne so gut an wie bei Miss Bamford, die sich über das Geschenk schlapp lacht, aber Candice bleibt bei aller Seltsamkeit und Klugheit auf eine nicht naive Art positiv und optimistisch. Sie kommt zum Beispiel erst gar nicht auf die Idee, dass ihre amerikanische Brieffreundin Denille ihr auf keinen der 21 Briefe geantwortet hat, weil sie diese vielleicht seltsam gefunden hat. Nein, Candice denkt: "Amerikaner sind viel beschäftigte Leute. Doch ich stelle mir gerne vor, dass meine Briefe eine nette Abwechslung für Denille sind, weshalb ich ihr weiter schreibe, auch wenn sie nicht zurückschreibt." Und das hat gar nichts Tragisches, weil man sich wahnsinnig amüsiert bei der Vorstellung, wie eine verstörte Denille in New York auf dem Sofa sitzt und diese ausufernden, ehrlichen und verdrehten Briefe aus Australien liest und nicht antwortet, weil sie wahrscheinlich gar nicht weiß, wie man auf so etwas antworten könnte.

Barry Jonsberg lässt Candice in einem wundervoll altklugen und dennoch sympathischen Mädchenton erzählen, elegant übersetzt von Ursula Höfker, die die über allem schwebende britische Ironie (Jonsberg ist ein ausgewanderter Engländer) auch im Deutschen nie verliert. Natürlich gibt es in der Wirklichkeit kein zwölfjähriges Mädchen, das so redet und handelt wie Candice. Aber wäre es nicht toll, wenn es eins gäbe? Das Blubbern von Glück ist ein schönes Beispiel für eine Geschichte, die viel mit der Realität zu tun hat und trotzdem darüber hinausgeht. Weil sie die Frage stellt: Was wäre, wenn?

Das hält der Autor bis zum Schluss durch, wenn er die Geschichte mit einem Happy End schließt. Natürlich ist es kein Alles-ist-plötzlich-wieder-in-Ordnung-Trallala-Happy-End, sondern ein kompliziertes Wenn-alles-gut-geht-könnte-etwas-Schönes-Neues-beginnen-Happy-End. Und wenn dem so wäre, dann würde Candice’ Mutter endlich wieder richtig leben, obwohl Sky tot ist. Ihr Vater könnte sich langsam mit seinem Bruder vertragen und vielleicht sogar reich werden. Und Candice hätte ihre Familie wieder. Kleiner, verändert, aber sie wären wieder zusammen. Und vielleicht würden sie alle vor Glück blubbern.

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS Preis für Kinder und Jugendliteratur. Am 9. Oktober, 15.20 Uhr, stellt Radio Bremen das Buch vor. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa.