Die brasilianischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen haben einen Überraschungssieger hervorgebracht: den 54 Jahre alten Aécio Neves, Kandidat der Konservativen. Er erreichte am vergangenen Sonntag zwar nur den zweiten Platz hinter Amtsinhaberin Dilma Rousseff – ein Gewinner ist er trotzdem. Noch vor ein paar Wochen hatte niemand dem Mann mit den strahlenden Zahnreihen zugetraut, überhaupt die Stichwahl zu erreichen, die in zweieinhalb Wochen stattfinden wird. Und nun scheint nicht einmal ausgeschlossen, dass Neves da der Präsidentin sehr nahe rücken könnte.

Dass Rousseff einen Rückschlag würde einstecken müssen, war erwartet worden: Sie kam am Sonntag nur auf 42 Prozent der Stimmen. 2010 hatte sie noch 47 Prozent erreicht, und ihr populärer Vorgänger und Parteigenosse Lula da Silva gewann regelmäßig absolute Mehrheiten. Rousseffs Abstieg hat viele Gründe: Mit ihrer steifen Art eckte sie zunehmend beim Wahlvolk an; ihr Reformeifer hat stark nachgelassen, und, das vor allem, die brasilianische Konjunktur wächst nicht mehr. Viele Menschen machen sich daher Sorgen um ihre Jobs, ihren Wohlstand, ihre Zukunft.

Die eigentliche Überraschung der Wahl jedoch war, dass Neves von dieser Schwäche der Präsidentin profitierte – und nicht Marina Silva, die ehemalige Umweltministerin, von der es zeitweise sogar geheißen hatte, sie könne die Präsidentin schon im ersten Wahlgang schlagen. Am Ende erhielt Silva nur 21 Prozent der Stimmen. Sie scheiterte vorwiegend an sich selbst, an einer unklaren Programmatik, hektischen Positionswechseln und an Tränen und Wutausbrüchen vor laufender Kamera.

Aécio Neves kultivierte dagegen das Bild des Politprofis, dem viele eher zutrauen, die tief greifenden Wirtschafts- und Strukturprobleme des Landes angehen zu können. Neves war lange Gouverneur im bürgerlichen Industrie- und Minenstaat Minas Gerais, wo er viel Lob für seinen pragmatischen Kurs erhielt. Er hat Ökonomie studiert und pflegt beste Kontakte in die Wirtschaft. Im Falle eines Sieges – Neves hatte am Sonntag immerhin 34 Prozent der Stimmen erreicht – wäre sein Mann für die Konjunktur der Hedgefondsmanager Arminio Fraga.

Entscheidend für die Stichwahl dürfte allerdings weniger das Image der Kandidaten werden. Viel spricht dafür, dass sich die Brasilianer als kühle Rationalisten betätigen werden. Sie werden an der Wahlurne eine reine Vernunftentscheidung treffen.

Die einen Vernunftwähler sind die Armen, die vorwiegend im unterentwickelten Nordosten und in den Außenbezirken der großen Städte leben. Sie stimmen nach wie vor zuverlässig für Rousseff. Deren Arbeiterpartei hat über die Jahre ehrgeizige Programme zur Armenhilfe aufgelegt, von Hunger- und Sozialhilfe bis zu Infrastrukturprojekten, für die Rousseff schon vor ihrem Amtsantritt als Präsidentin jahrelang verantwortlich war. 30 bis 40 Millionen Brasilianer sind dank dieser Programme aus der Armut aufgestiegen und haben einen bescheidenen Wohlstand erlangt. Sie sind die anderen Vernunftwähler: die frisch Aufgestiegenen, die sich nun an den Werten der Mittelschicht orientieren und für eine Politik stimmen, die ihrem neu gewonnenen Status am meisten nutzt.

Daher ist Rousseffs erfolgreiche Armutsbekämpfung zugleich ihr größtes Problem: Je weniger Arme es gibt, desto weniger Wähler finden sich auf Dauer für die Linken. Erfolgreiche linke Reformregierungen in Lateinamerika zerstören sich irgendwann ihre eigene Basis.

So wirft diese Präsidentschaftswahl noch zwei weitere spannende Fragen auf: Erlebt Brasilien, das jahrelang als Modell einer gemäßigt-linken Politik des sozialen Ausgleichs galt, jetzt einen Rechtsruck? Und könnte es damit zum Vorbild für Lateinamerika werden?

In Brasilien sagen die Demoskopen: Bei der bevorstehenden Stichwahl sei es noch nicht so weit. Es gebe immer noch genug Arme, die Fronten würden sich im Endspurt des Wahlkampfs weiter verhärten. Dafür spricht viel: Dilma Rousseff wird wohl eine Angstkampagne fahren, in der sie den Armen die Härten einer konservativen Sparpolitik vor Augen führt. Und Neves wird diese Ängste nähren müssen, um seine eigene Klientel zu bedienen. Schon zeigt er sich mit Wirtschaftsbossen und spricht von "harten Entscheidungen", die für eine Wiederbelebung der Konjunktur getroffen werden müssten.

Allerdings: Die Entscheidung wird knapper ausfallen als in den Jahren zuvor. Zu Wochenbeginn boomte die Börse bereits in der kühnen Erwartung, dass Neves der Durchmarsch gelingen könnte. Immerhin hat die unterlegene Kandidatin Silva ihre Anhänger aufgerufen, in der Stichwahl für Neves zu stimmen.

Und eines ist bereits jetzt klar: Die Links-Mitte-Koalition der Amtsinhaberin hat viele Sitze im Parlament verloren. Um überhaupt Entscheidungen treffen zu können, muss sie in der nächsten Legislaturperiode Bündnisse mit konservativen Abgeordneten und Parteien eingehen – die mal im Verbund mit Neves stehen, mal ihre ganz eigene Agenda verfolgen. Das wird ihre Politik verändern. Selbst wenn Rousseff also diesmal noch im Amt bleibt: Der Rechtsruck in Brasilien hat bereits begonnen.