Überraschend war die Entscheidung der Jury sicherlich nicht. Doch als der Favorit Lutz Seiler am Montagabend im Frankfurter Römer auf die Bühne ins Blitzlichtgewitter trat und den Deutschen Buchpreis entgegennahm, da war das dennoch ein starker Moment für die deutsche Literatur. Denn Seilers jetzt völlig zu Recht prämierter, vielfach gefeierter Roman Kruso gehört zum Besten, was hierzulande in den letzten Jahrzehnten geschrieben wurde. Dass der ebenfalls vorab hoch gehandelte Thomas Hettche nunmehr zum dritten Mal den Preis verfehlte – er stand bereits 2006 und 2010 auf der Shortlist der sechs Finalisten –, ist allerdings durchaus ein Jammer: Denn mit seinem Roman Pfaueninsel hätte er in anderen Jahren höchstwahrscheinlich die 25 000 Euro Preisgeld gewonnen.

Aber die "Kruso-Energie", von der in Seilers Roman die Rede ist, hat nicht nur Hiddensee, sondern jetzt auch die Jury verzaubert. Denn die spannende Geschichte des jungen Ed und eben jenes mysteriösen Kruso auf jener Ostseeinsel im Jahr 1989 ist eben weit mehr als bloß ein weiteres unter Aberhunderten Prosaprodukten, die das phänomenal effektive Romankombinat namens DDR unablässig ausstößt. Seiler schreibt über die zeitlosen, großen Fragen: Wie viel Verführung verträgt die Nähe, wie viel Gemeinschaft will und braucht ein freier Mensch, lässt sich die Freiheit organisieren – überhaupt: Was soll man eigentlich im Leben suchen? All das auf Hiddensee in den letzten Monaten einer untergehenden Epoche – manchem auf Plot und Tempo getrimmten Leser mag das zu ernst, zu pathetisch und ziemlich deutsch klingen. Dabei ist das Buch voller Witz, mit lauter verrückten Typen und Episoden – gerade das zweideutig zwischen Ernst und Ironie Schillernde ist die Stärke Seilers, der sprachlich locker alle Register von Romantik über Expressionismus bis hin zum großen Wolfgang Hilbig ziehen kann. Und tatsächlich kann einem Thomas Manns Zauberberg in den Sinn kommen, als Hans Castorp wie Ed der Welt abhandenkommt, bis zum großen Donnerhall eines Epochenwechsels. Wie auch immer: Lutz Seilers Kruso wird bleiben und wachsen mit der Zeit.

Für den Suhrkamp Verlag kommt die Auszeichnung wie gerufen: Der Preis sorgt noch immer für hohe Verkaufszahlen im Weihnachtsgeschäft und viele Auslandslizenzen. Das kann dem in seinen juristischen Dauerkämpfen schlingernden Verlag momentan nur guttun. Das wichtigste Signal allerdings hat die Jury mit dieser Entscheidung an die deutsche Literatur geschickt: Schaut her, liebes Publikum, auch im zehnten Jahr des Deutschen Buchpreises glauben wir an die Erzählbarkeit der Welt und die sprachschöpferische Fantasie – gegen das banale Aufgeschreibe von Alltäglichkeiten glauben wir an Literatur als schöne Kunst.