Vielleicht wird schon bald die Bundeswehr den Waffenstillstand in der Ukraine überwachen. Womöglich wird es ein Einsatz, in dem deutsche Soldaten mit Gewehren dort patrouillieren, wo deutsche Soldaten im Herbst 1943 die Flucht vor sowjetischen Truppen antraten. Die Wehrmacht hinterließ damals verbrannte Erde, gesprengte Industrieanlagen und eine Stadt Donezk, deren Bevölkerung im brutalen Krieg der Nazis um zwei Drittel geschrumpft war. Sollen Bundeswehrsoldaten ausgerechnet dort einen Waffenstillstand überwachen?

Ja, sie sollen. So stellt es sich die OSZE vor, so hat es die Bundesregierung in Verhandlungen mit Franzosen und der OSZE angeboten. Deutsche als Teil einer multinationalen Truppe werden tatsächlich dringend gebraucht. Der Waffenstillstand, den die Ukraine und Russland in Minsk ausgehandelt haben, ist brüchig. Beide Parteien haben sich in der weißrussischen Hauptstadt auf eine Überwachung verständigt, vor allem die Ukraine drängt nun auf unabhängige Beobachter.

In Deutschland aber kocht die Kritik hoch. Die oppositionelle Linke sieht "Feldherrenallüren" und eine "geschichtsvergessene" Politik, die uns "Russland zum Feind" mache. Doch hilft uns die Historie überhaupt, um eine Antwort auf die Erwartungen der OSZE und der Ukraine zu finden?

Im Kampf gegen den IS beschränkt sich Berlin bisher auf eine Nebenrolle

Um den kaltblütigen Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion vor 73 Jahren sollte jeder wissen, Schüler, Bürger und jene Soldaten, die möglicherweise in diesem Herbst in die Ukraine entsandt werden. Doch gibt die Geschichte hier keine Gebrauchsanweisung für Osteuropa 2014 her. Heute würden die Deutschen nur einen Waffenstillstand überwachen – und auch das nur auf Einladung und mit ausdrücklicher Zustimmung der Europäer – einschließlich der Ukrainer und Russen – überwachen.

Die Linke erwähnt diesen Unterschied noch nicht einmal und schlachtet die Geschichte deshalb nur populistisch für ihre politischen Zwecke aus. Aus der Vergangenheit erwächst kein Verbot, heute an einer OSZE-Mission teilzunehmen. Aber umgekehrt auch keine moralische Verpflichtung. Wir müssen uns in der modernen Ukraine-Krise neu entscheiden.

Die Deutschen sind in den gleichzeitig ablaufenden Weltkatastrophen unterschiedlich gefordert. Im Kampf gegen die IS-Milizen hat Berlin eher eine Nebenrolle und beschränkt sich bisher auf den Waffennachschub für die Kurden. In der Ukraine-Krise dagegen haben die Deutschen von Anfang an die diplomatische Führung übernommen. Die Bundesregierung nahm die Annexion der Krim und die Invasion der Ostukraine durch Russland sehr ernst. Es war Angela Merkel, die regelmäßig mit Putin sprach. Es war Frank-Walter Steinmeier, der zwischen Russen und Ukrainern mit anderen Europäern vermittelte. Jetzt, wo es gilt, den lange herbeigesehnten Waffenstillstand zu sichern, können die Deutschen schlecht aussteigen.

Außenminister Steinmeier suchte stets die Nähe zu Polen und Frankreich, wenn er in Kiew vermittelte. Dieses Prinzip will die Bundesregierung bei der Mission nun in anderer Form fortführen. Frankreich und Deutschland werden, so ist es geplant, ihre Soldaten gemeinsam in die Ostukraine schicken. Vielleicht kommen noch andere Länder hinzu. Es ist eine europäische Mission unter dem Dach der OSZE, kein deutscher Alleingang.

Dennoch sind viele Mitglieder des Bundestages beunruhigt. Zu Recht treibt sie die Frage um: Werden die deutschen Beobachter Waffen tragen? Die Franzosen wollen nicht ohne in die Ostukraine gehen. Die OSZE sieht das ganz anders. Sie wünscht sich unbewaffnete Überwacher, um die Risiken zu senken. Ein Beispiel: In der vorigen Woche starteten die von Russland unterstützten Rebellen eine Offensive nahe Donezk, die Ukrainer schossen sofort zurück. Mitten im Waffenstillstand. In einem solchen Fall muss die hilflose Antwort lauten: "Wir können nichts tun!" Das wäre bitter, denn eine Friedenstruppe, die den Frieden nicht sichert, ist wenig wert. Doch mit dem Widerspruch muss man leben. Deutsche und europäische Soldaten gehen nicht in die Ukraine, um die Kampfparteien gewaltsam zu trennen, sondern um ihren vereinbarten Abstand voneinander zu überwachen. Verstöße dagegen sollen sie dokumentieren. Doch wenn Krieg herrscht, ist die Mission tot.

Beherzigt man das, können leichte Waffen als reiner Selbstschutz für die Soldaten ihren Sinn erfüllen. In der Ukraine sind schon Dutzende internationale Beobachter entführt worden. Die Erinnerung an wehrlose Missionen wie in Bosnien-Herzegowina lehrt, dass Überwachung ohne Waffen schlimm enden kann. Dort wurden UN-Soldaten 1995 von serbischen Milizen zu Zuschauern des Völkermords von Srebrenica degradiert.

Genau deshalb haben jene Abgeordneten recht, die in jedem Fall eine Abstimmung über die Entsendung im Bundestag fordern. Ohne das Parlament geht es nicht. In die Aussprache gehört auch die Erinnerung an deutsche Verbrechen in der Geschichte. Genauso wie die Entschlossenheit, die Ukraine darüber nicht mit ihrer Not von heute allein zu lassen.

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